04.10.1947

Tumult um Karten

Jehudi Menuhin war noch in München, da sprachen die Berliner schon, davon, er werde kommen. Kaum wurde bekannt, daß er mit Furtwängler im Titania-Palast Beethovens Violinkonzert spielen würde, setzte ein Sturm auf die Karten ein.
Lange Menschenschlangen harrten die ganze Nacht über vor der Kasse aus. Als nicht alle Karten bekommen konnten, weil nur eine begrenzte Anzahl in den Vorverkauf gelangte, spielten sich Tumultszenen ab. Die Polizei hatte alle Hände voll zu
tun, diesmal mit Musikhungrigen, die nach Aussagen der Polizisten viel fanatischer sind als Hamsterer von Eßwaren. Man wußte sich ihrer nur durch Absperrketten zu erwehren.
Zwei Tage vor dem Konzert für das deutsche Publikum wurde das gleiche Programm am Sonntagvormittag vom RIAS übertragen, als es für die Angehörigen der Besatzungsarmee stattfand. Das sollte die vielen trösten, die für das Konzert keine Karte bekommen konnten.
Am Dienstag wurden die glücklichen deutschen Billettbesitzer schon eine Viertelstunde im Umkreis des Titania-Palastes von jenen Optimisten angesprochen, die auf eine letzte Chance hofften: "Haben Sie noch eine Karte für Menuhin?" Niemand gab seinen Schatz heraus, obwohl vierstellige Fantasiepreise geflüstert wurden.
Der heftige Menschenandrang ergoß sich schon eine halbe Stunde vor Beginn durch die schmalen Türen, wo außer den Karten auch die Personalausweise kontrolliert wurden, weil dieses Konzert ja nur für das deutsche Publikum bestimmt war.
Das Konzert begann mit einer guten halben Stunde Verspätung. Offenbar hatte man zuletzt doch noch eine Reihe Verzweifelter eingelassen, denn entgegen sonstigen Gepflogenheiten standen in den Seitengängen an allen Türen noch Zuhörer, die keinen Sitzplatz hatten.
Nach der Sommernachtstraum-Ouvertüre erscheint der große Geiger, den viele im Zuhörerraum von seinem, früheren Berliner Konzert noch als Zehnjährigen in Erinnerung haben. Der 30jährige ist ein großer sportlich wirkender Mann geworden.
Er begrüßt das Orchester, den Dirigenten und sammelt sich dann geschlossenen Auges. So spielt er, vollkommen ruhig stehend, fast das ganze Konzert, ohne die Augen zu öffnen, immer mit dem Ausdruck völliger Versenkung und Beseelung.
Bei seinem süßen, warmen Bogenstrich von höchster technischer Vollendung erinnert man sich dessen, was Alfred Einstein sagte, als Menuhin als kleiner Junge in Berlin mit Bruno Walter Violinkonzerte spielte: Bach, Beethoven, Brahms. Damals hob ihn Einstein hoch, küßte ihn und sagte: "Du hast wieder einmal bewiesen, daß es einen Gott im Himmel gibt."
Es paßt in Menuhins menschliches und künstlerisches Bild, daß er den Erlös aus seinen Konzerten in Deutschland für wohltätige Zwecke stiftet. Sein Sonntagskonzert brachte einen Dollar-Betrag für an der Kinderlähmung erkrankte Kinder und für alternde Künstler. Der Ertrag des Dienstags-Konzertes kam den Berliner Philharmonikern zu, und am Donnerstag spielte Menuhin für die jüdische Bevölkerung Berlins.
Es hatte übrigens vor Menuhins Konzert im Titania-Palast ein kleines liebenswürdiges Intermezzo gegeben: Jehudi Menuhin hatte gleich nach seiner Ankunft mit den Proben im Titania-Palast begonnen. Um 17 Uhr erschien der diensttuende M.P. und machte Anstalten, die Probe zu stoppen, da man den Saal für die alsbald beginnende Show brauchte. Menuhins Liebenswürdigkeit war groß genug, um auch einen M.P. Mann zu gewinnen. Es wurde eine Fist bewilligt, lang genug um die Probe zu Ende zu führen.
"Five o'clock, gentlemen!" - Terzett auf der Probe: Menuhin, Furtwängler, MP-Mann

DER SPIEGEL 40/1947
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