11.10.1947

Bergknappe der Physik

Schon die ersten Nachrichten, die über die Erkrankung Geheimrat Prof. Dr. Max Plancks aus Göttingen in die Welt gingen, waren beunruhigend. Der Gelehrte, der Nestor der deutschen Physiker, war vor einigen Wochen in seiner Wohnung gestürzt und seither bettlägerig gewesen. Sein Zustand hatte sich verschlimmert, und immer weniger Hoffnung ließen die Nachrichten vom Krankenlager.
Die Kräfte ließen mehr und mehr nach, das Bewußtsein trübte sich, und nach einem Todeskampf von zwei Tagen starb Max Planck. Die Totenmaske des großen Gelehrten zeigt friedliche und erhabene Züge.
In der letzten Stunde waren seine Gattin und seine Schwiegertochter bei ihm, die Witwe Erwin Plancks, des Staatssekretärs unter den Regierungen Papen und Schleicher, der wegen seiner Beteiligung am 20. Juli hingerichtet wurde. Plancks zweiter Sohn (ein dritter Sohn fiel im ersten Weltkrieg, zwei Töchter starben in jungen Jahren) war durch Reiseschwierigkeiten verhindert, rechtzeitig aus Berlin zu kommen.
Die Anteilnahme, die die Todesnachricht bei den Männern der Wissenschaft, und nicht nur bei ihnen, gefunden hat, gilt nicht allein dem Gelehrten, dessen Entdeckungen in ihren Auswirkungen den Schlüssel bedeuten "zum Verständnis der Gesetze der Atome und damit den Weg zur Beherrschung der Urkräfte, die in der Materie schlafen und die heute entdeckt sind". Die Anteilnahme gilt auch dem liebenswerten Menschen.
Geheimrat Max Planck wäre beinahe Musiker geworden. In seiner Studentenzeit, er bezog die Universität München mit 17 Jahren, verkehrte er in den Häusern des Dichters Paul Heyse, des Historienmalers Karl von Piloty und des Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin und hat für manche Hausaufführung Lieder und sogar eine Operette komponiert. In den Gottesdiensten der Studentenkirche spielte er die Orgel und war Dirigent eines Orchestervereins. Max Planck hatte das, was man das "absolute Gehör" nennt.
Mit 22 Jahren promovierte Planck summa cum laude. Aber auch nachdem er sich endgültig für die Physik entschieden hatte, bedeutete die Musik für ihn stets Freude, Erholung und Entspannung. Während seiner Berliner Zeit spielte er täglich auf seiner Hausorgel, und auch die Abende seiner späten Göttinger Zeit sahen ihn oft am Klavier.
Max Planck war kein "Wunderkind". Charakteristisch für seine Arbeitsweise war die ungeheure Zähigkeit, an die Lösung der ihn beschäftigenden Probleme heranzugehen. Sie ist ein Erbe seiner schwäbischen Vorfahren, die seit dem Abt Jakob Planck vom Kloster Obermarchthal immer wieder als Gelehrte oder Geistliche hervorgetreten sind.
Die Liebenswürdigkeit im persönlichen Umgang, die menschliche Wärme, die jeden, der mit Max Planck zu tun hatte, für sich einnahm, erbte er von seiner Mutter, der Tochter des Greifswalder Rechnungsrates Patzig. Man erzählt sich von ihr, daß sie sich auch über politische Dinge gern eine eigene Meinung bildete.
1885 erhielt Planck, 27 Jahre alt, einen Ruf an die Universität seiner Geburtsstadt Kiel. Dort verfaßte er seine Schrift über "Das Prinzip der Erhaltung der Energie". Sie machte ihn zuerst in Fachkreisen bekannt und trug ihm schon vier Jahre später den Lehrstuhl in Berlin ein.
In dem nun folgenden Jahrzehnt widmet Planck sich der Thermodynamik. Aus dieser Zeit stammt seine Fassung des sogenannten zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik. Er drückt die Unmöglichkeit einer bestimmten Art von perpetuum mobile aus. Diese Arbeiten allein hätten genügt, Planck zu einem der bedeutendsten Physiker zu machen.
Nun aber geschieht das Unglaubliche: Bei der Beschäftigung mit der Theorie der Wärmestrahlung macht der 42jährige in den ersten Tagen des neuen Jahrhunderts eine Entdeckung, deren Folgen für Physik Philosophie und Technik auch heute noch nicht ganz abzusehen sind.
Planck erkennt, daß das von einer Strahlungsquelle ausgesandte Licht nur in ganzzahligen Vielfachen eines nicht weiter teilbaren Energiequantums abgegeben werden kann. Dieses Mindestquantum ist gleich der Frequenz des Lichtes mal einer universellen Konstanten. Die Konstante wird seitdem in der Physik mit "h" bezeichnet und trägt den Namen "Plancksches Wirkungsquantum".
Die Entdeckung wurde durch Planck selbst, durch Alfred Einstein und später vor allem durch Werner Heisenberg unter dem Namen "Quantentheorie" ausgebaut. Sie hat bis heute alle Geheimnisse der Elektronen, die den Atomkern umhüllen, entschleiern können.
Bereits 1917 umfaßte der Katalog von Plancks Originalarbeiten 115 Titel. Dabei ist Plancks Bescheidenheit sprichwörtlich. Er selbst hat sich einmal bezeichnet als den "Bergknappen, der jahrelang mit Einsetzung seiner ganzen Kraft nach edlen Erzen schürft und dem es bei seiner Arbeit eines Tages begegnet, daß er eine Ader gediegenen Goldes anschlägt, die sich bei näherer Untersuchung noch unendlich ergiebiger erweist, als irgend jemand im voraus vermuten konnte."
Einige Studenten, die bei ihm in Berlin ein Kolleg über Quantentheorie hörten, erfuhren erst später an anderen Universitäten, daß Planck der Schöpfer dieser Theorie ist.
Die revolutionierende Entdeckung wurde zur Grundlage der modernen Physik und mit ihr erlangte Prof. Planck Weltberühmtheit. Er wurde Ehrendoktor vieler deutscher und ausländischer Universitäten, darunter Athen, Cambridge und London.
1919 wurde ihm der Nobelpreis für Physik verliehen. Ihm zu Ehren wurde von deutschen Physikern die Planck-Medaille gestiftet.
Seitdem Geheimrat Planck im Kriege sein Heim in der Wangenheimstraße in Berlin-Grunewald verloren hatte und mit ihm seine Bibliothek, die Hausorgel und den Flügel, hatte er auf dem Gut einer befreundeten Familie an der Elbe gelebt. Nach dem Zusammenbruch kam er nach Göttingen.
In der Stadt, wo sein Urgroßvater und Großvater als Theologen und Kanzelredner gewirkt hatten, machte er am Hainberg seinen täglichen Spaziergang: Ein Greis mit den vergeistigten Zügen des großen Gelehrten und gütigen Menschen, seinen hohen Jahren zum Trotz im Gespräch immer noch eine imponierende Persönlichkeit.
Mit Vorträgen trat der alte Geheimrat noch an die Oeffentlichkeit, es war vor allein die Jugend, deren "Wünschen nach Wahrheit und Erkenntnis" er entgegenkommen wollte. "Sinn und Grenzen der exakten Wissenschaft", "Scheinprobleme der Wissenschaft" waren die bezeichnenden Titel solcher Vorträge. In "Religion und Naturwissenschaft" hatte er sich zu einer frommen Demut vor den Grenzen des Erforschbaren bekannt, wo dem Menschen nur noch die ehrfürchtige Verehrung des Unerforschlichen bleibt.
Es war diese Geisteshaltung des Menschen Max Planck, die ihm über den Kreis der Wissenschaftler hinaus die Verehrung vieler eintrug, die Haltung eines aufrechten Mannes, der 1934 in einer Unterredung mit Hitler verlangt hatte, daß die Judenverfolgungen eingestellt würden. Hitler hatte für den größten Physiker einer Generation nur ein kurzes, entlassendes Wort und kehrte ihm mit brüsker Wendung den Rücken.
Geheimrat Prof. Dr. Max Planck
Eine der letzten Aufnahmen des Gelehrten
1947 in Göttingen
Max Planck und ein Urenkelkind

DER SPIEGEL 41/1947
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