26.04.1947

Bevins neue Bürde

Als John Hynd noch Minister für die britisch besetzten Zonen Deutschlands und Oesterreichs war und den altertümlichen Titel "Kanzler des Herzogtums Lancaster" führte, unterstand er dem Kriegsministerium und in erster Linie dessen Unterstaatssekretär Lord Francis Aungier Pakenham. Nun, da der Lord Titel und Amt Hynds erbte, wurde er seinerseits dem Außenminister Ernest Bevin verantwortlich.
Seit Donnerstag untersteht das Kontrollamt für Deutschland und Oesterreich dem Foreign Office.
Dies ist eine der auffälligsten Folgen der englischen Kabinettsumbildung: Der aus Moskau zurückkehrende Bevin sieht sich mit neuen Bürden belastet.
Wenn die Gerüchte aus Whitehall stimmen, hat Bevin selbst den Wunsch gehabt, das Kontrollamt für Deutschland und Oesterreich seinem Aufgabengebiet anzugliedern. Die deutschen Probleme spielten ohnehin in alle seine Verhandlungen mit den Großmächten hinein.
Dabei gilt der Sechsundsechzigjährige als überlastet. Seine Aerzte verweisen mit Nachdruck auf seine Herzschwäche und auf sein Uebergewicht. "Trotzdem wuchsen", wie die Wochenzeitung "John Bull" schreibt, "die Macht und die Arbeitslast des großen Falstaff ständig."
Schon der junge Gewerkschaftssekretär zeigte jene massive Erscheinung, die den Raum ausfüllt, ohne daß er auch nur ein Wort zu sagen braucht. Aus jenen Tagen wird eine Begebenheit überliefert, die für "Ernie" kennzeichnend bleibt.
1921 hatte er vor einem Schiedsgericht eine Forderung der Dockarbeiter auf Lohnerhöhung zu vertreten. Die Verhandlungen gingen über drei Tage. Bevin kam mit Statistiken und Berechnungen. Auf den Tisch legte er die wenigen Nahrungsmittel, die sich ein Dockarbeiter für seinen Tageslohn kaufen konnte. Er sprach sieben Stunden. Zum Schluß sagte er:
"Wenn Sie unseren Anspruch ablehnen, dann müssen Sie zum Premierminister und zum Erziehungsminister gehen. Sie müssen beide auffordern, unsere Schulen zu schließen und uns nichts mehr zu lehren. Denn die Erziehung bewirkt Wünsche und die Liebe zum Schönen. Und es ist besser, man läßt uns im Dunkel leben, wenn man unsere Ansprüche nicht befriedigt."
1940, als aus dem Waisenknaben, der sich mit neun Jahren schon sein Brot bei einem Bauern hatte selbst verdienen müssen, längst der Generalsekretär des "Transport - und allgemeinen Arbeiterverbandes" geworden war, wußte Churchill nur einen, dem er die Erfassung der gesamten Arbeitskraft des Landes anvertrauen konnte. Er ernannte Bevin zum Arbeitsminister.
Man hat eine seltsame Form der Aehnlichkeit zwischen den beiden Männern feststellen wollen, obwohl der eine Nachfahr des Herzogs von Marlborough ist und der andere dem großen Heer der Namenlosen entstammt. Eine "John-Bull-Seele", so wurde gesagt, wohne in der Brust beider Männer.
Als Bevin sich während des Krieges mit einem der nächsten Freunde Churchills, mit dem Konservativen Lord Beaverbrook, überwarf, hielt Churchill zu seinem Arbeitsminister. Beaverbrook, damals Minister für Kriegsproduktion forderte für sich eine Teilkontrolle über die Arbeitskräfte. Bevin sagte: "Einer von uns beiden muß gehen, er oder ich." Churchill schickte seinen Parteifreund Beaverbrook mit einem Sonderauftrag nach Amerika.
Nach dem Wahlsieg der Labour-Partei im Sommer 1945 war es Bevin selbst, der für sich den Posten des Außenministers begehrte. Er bekam ihn. Auch in dem neuen Amt blieb der Löwe unter den Staatsmännern derselbe Mann, der er immer gewesen war. Auf einer Konferenz sagte er einmal zu dem Beamtensohn Molotow: "Ich, ich bin ein Proletarier!"
Noch aus den jüngsten Moskauer Tagen werden einige seiner bündigen Bemerkungen berichtet. Als Molotow den Stellvertretern drei bis vier Tage geben wollte, um zur Frage der jugoslawischen Gebietsforderungen an Oesterreich Stellung zu nehmen, erwiderte ihm Bevin: "Warum drei oder vier Tage? Die können doch ebenso gut in zwei Stunden ihre Uneinigkeit feststellen."
Die Angliederung des Londoner Kontrollamtes an das Außenministerium nennt die "Times" einen "Schritt in der richtigen Richtung." Nach "News Chronicle" jedoch hat diese Maßnahme ein "weitverbreitetes Unbehagen" hervorgerufen. Man befürchtet, die deutschen Probleme könnten zu sehr Objekt im internationalen Kuhhandel der Mächte werden.
Trotzdem ist die Zeitung mit der Ablösung John Hynds, der Minister für Pensionen wurde, einverstanden. "Die Ernennung Lord Pakenhams wirkt wie ein Aufkehren in den staubigen Korridoren und vollgestopften Rumpelkammern der Verwaltung Deutschlands. Er ist einer der lebhaftesten unter den jüngeren Ministern Mr. Attlees."
Entscheidend für die Entwicklung des Nachkommen einer alten irischen Adelsfamilie wurde seine jahrelange Zusammenarbeit mit Lord Beveridge. "Englands Sozialpolitiker Nr. 1".
Seit Oktober 1946 Staatssekretär im Kriegsministerium, gab er wiederholt Erklärungen dar Regierung in der Deutschland- und Oesterreichfrage ab. Bekannt wurde erst vor kurzem die drastische Absage, die er den jugoslawischen Gebietsansprüchen an Oesterreich erteilte:
"Die Forderungen sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind."
Der "Observer begrüßt ihn: "Jetzt wird die massive, ungepflegte, donquichottische, kraftvolle Gestalt Frank Pakenhams in eine Stellung einrücken, die ihn zu einem der Männer macht, die Deutschland regiert haben - politischer Erbe einer Thronfolge, die mit Karl dem Großen begann und mit John Hynd endete".
Mit Schlägermütze
Der Bevin des Jahres 1921

DER SPIEGEL 17/1947
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