26.04.1947

Die erste Pflaume

Von der bayrischen Sonne gebräunt, trat der 50jährige ehemalige Reichswirtschaftsminister Dr. Kurt Schmitt im Schacht-Prozeß vor die Untertürkheimer Spruchkammer. Er war von der Anklage aufgerufen worden, erwies sich aber als Entlastungszeuge.
Dem einfachen Beobachter, der nichts Näheres über das Wirken Schmitts als Reichswirtschaftsminister im ersten Jahre des Naziregimes wußte, mußten die Feinheiten seiner Aussage entgehen. Schmitt bemühte sich, der Kammer ein Bild seines damaligen verzweifelten Zustandes zu vermitteln, und er scheute sich nicht, einzugestehen, daß er nicht gewagt habe, gegen den von Hitler eingeschlagenen radikalen Kurs anzugehen. Er habe sich nicht stark genug gefühlt.
Als Schmitt bei seiner Vernehmung als Zeuge im Schacht-Prozeß zu dieser Frage aussagte, daß es unter Hitler äußerst schwer, ja fast unmöglich gewesen sei, ein Amt niederzulegen, hatte er unwissentlich Schacht in diesem Punkt seiner Verteidigung bestärkt. Der öffentliche Kläger verzichtete dann auch darauf, ihn hierüber noch weiter zu vernehmen.
Ein weiterer Belastungszeuge der Anklage ist Theodor Düsterberg. Der ehemalige zweite Bundesführer des Stahlhelms wohnt als 71jähriger in Hameln an der Weser und pflegt seine kranke Frau. Er wurde schriftlich vernommen und belastet Schacht schwer. Der Verteidiger Schachts erhob Einspruch: "Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß es sich hier um eine zweite Auflage der öffentlichen Klage handelt"
Der Vorsitzende Fritz Lenz und Kläger Ballarin mußten zugeben, daß die Aussage keine einzige präzise Feststellung enthält. Der Vorsitzende Lenz gab auf Schwambergers Drängen bekannt, daß die Kammer schon alles versucht hätte, Düsterberg zum persönlichen Erscheinen zu bewegen. Sie bot ihm einen Vorschuß von 1000 RM für Spesen und Reisekostenvergütung und wollte ihm das Benzin für die Hin- und Rückfahrt mit dem Wagen ersetzen. Düsterberg lehnte trotzdem ab. Viele fragten sich im stillen, ob der Zeuge Düsterberg das Kreuzverhör zu fürchten hat, auf das Schwamberger sich zu freuen scheint.
Das Frage- und Antwortspiel plätschert oft stundenlang monoton dahin. Zuweilen vergnügt sich dann der Techniker in der Rundfunk-Schaltkabine damit, durch Einschalten der entsprechenden Mikrophone private Gesprächsfetzen einzufangen. Während sich der öffentliche Ankläger bemühte, einen Beweis für Schachts aktive Mitwirkung bei der Einverleibung Oesterreichs zu erbringen, beugte sich Schacht zu seinem Verteidiger und sagte: "Eine stilgerechte Dummheit". Und als es Schacht wieder einmal gelungen war, den Ankläger aus dem Konzept zu bringen, flüsterte er: "Das war die erste Pflaume heute!"
Am Mittwoch stellten Schacht und Schwamberger mit zufriedenem Lächeln fest, daß die beiden Vertreter der öffentlichen Anklage, Dr. Helmut Ballarin und Dr. Alfred Marx, äußerst beeindruckt waren und sich auch im Kreuzverhör kaum noch zu präzisen Fragen aufrafften.
Nach den Darstellungen der Entlastungszeugen, ganz gleich, ob es sich um Franz Gronau, Dr. Alex Haffner, Fritz Sperl, Dr. Otto Schniewind oder Minister a. D. Hans von Rauner handelt, ist Schacht, zumindest mit Gördeler, als der "zivile Spiritus rector" der Attentatsversuche gegen Hitler anzusehen.
Um den Schluß des nicht für den Angeklagten, sondern für die Anklage erdrückenden Zeugenmaterials in ruhigere Bahnen zu lenken, ermahnte der Vorsitzende den jungen Fritz Sperl, sich kurz zu fassen, mit den Worten: "Wir unterstellen alle Argumente der Verteidigung bezüglich seiner (Schachts) Zusammenstöße (mit den Nazis) als wahr. Bitte, fassen Sie sich daher kurz."
Schacht ließ sich diese Auffassung der Anklage schmunzelnd wiederholen.
Schwamberger erklärte anschließend Pressevertretern, Schacht habe im zusammengebrochenen System soviel Mut bewiesen, daß es die Pflicht eines jeden deutschen Anwalts sei sich für ihn einzusetzen.
Nicht immer merkt Schacht, ob das Mikrophon eingeschaltet ist

DER SPIEGEL 17/1947
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