26.04.1947

Der Kurs bleibt der alte

Sächsisch war die Hauptverkehrssprache auf dem zweiten Kongreß des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes der sowjetischen Zone. Von den rund 1100 Gewerkschaftlern kamen allein 450 aus dem Bundesland Sachsen und weitere 480 aus Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Drei Tage tagten die Delegierten in der Berliner Staatsoper in der Friedrichstraße. Früher war dieses Gebäude der "Admiralspalast", auf dessen Bühne bei einmütigem Beifall des Publikums großes Ausstattungstheater gespielt wurde.
Der Vorstand hatte Gastdelegationen aus vielen europäischen Ländern erwartet. Aus Belgrad kam ein herzliches Telegramm, London teilte lakonisch mit, daß man nicht kommen könne. Nur die sowjetische Delegation mit S. N. Rostowskij an der Spitze erschien, die im Namen von 27 Millionen Werktätigen Grüße überbrachte.
Auch sonst waren die Ehrengäste nicht zahlreich: Wilhelm Pieck (SED) und Otto Grotewohl (SED), die Unzertrennlichen, saßen zusammen in der ersten Parkettreihe. Oben in der Ehrenloge sah man den Chef der Politischen Abteilung der SMA, Oberst Tulpanow, mit seinem Gefolge.
Bernhard Göring (SED) verlas die Begrüßungsschreiben der drei Parteien der Ostzone von der CDU über LDP zur SED. Die CDU betonte die Wichtigkeit, im FDGB die überparteiliche Linie zu wahren und weltanschauliche Toleranz zu üben. Die LDP schloß ihr Schreiben "mit vorzüglicher Hochachtung", während die SED die Delegierten mit "Werte Genossen!" anredete und ihnen versicherte, daß die SED auch weiterhin dem FDGB treu zur Seite stehen werde.
Oberst Tulpanow mit seinem kahlrasierten, dunkel glänzenden Schädel sprach deutsch zu den Delegierten. Stürmischen Beifall erntete er, als er betonte, durch die Geschlossenheit der Gewerkschaften sei die Ehre der deutschen Arbeiterschaft wiederhergestellt.
Bernhard Göring, der haargenau vor einem Jahr Pieck und Grotewohl auf dem Vereinigungs-Parteitag das Einheitsbanner in die Hand gedrückt hatte, hielt zwischen den einzelnen Begrüßungsadressen Kurzreferate. "Der Kurs bleibt der alte." Die freien Gewerkschaften seien zu politischer Aktivität verpflichtet.
Als der russische Gewerkschaftsdelegierte Rostowskij in seiner Begrüßungsadresse die Worte "Wir sind Nachbarn!" gebrauchte, merkten die Zuhörer auf. Aber dem Dolmetscher war ein Uebersetzungsfehler unterlaufen, es mußte heißen: "Wir sind fast Nachbarn". Er wies auf die ungeheuren Kriegsverluste Rußlands hin. Göring erwiderte mit ernster Stimme: "Wir wissen, daß wir in unserer Arbeit unter dem Gesetz von Schuld und Sühne stehen."
150 Minuten sprach Hans Jendretzky (SED), der 1. Vorsitzende des FDGB in der Ostzone, über die Erfolge in der vergangenen Zeit. In einer künftigen deutschen Regierung müsse das Arbeitsministerium durch den FDGB besetzt werden. Der FDGB wolle auf keinen Fall das Feigenblatt für die Pläne der Konzernherren sein.
Fast 100 Diskussionsredner hatten sich gemeldet. Souverän schwenkte Ernst Lemmer (CDU), der am dritten Tag den Vorsitz hatte, die Glocke, wenn einer länger als zehn Minuten redete. Einem beschnitt er nicht die Redezeit: Franz Spliedt (SPD), der als Vertreter der Gewerkschaften in der britischen Zone erschienen war und eine kräftige Handvoll Salz in die Einheitssuppe warf. Der 70jährige Gewerkschaftler aus Hamburg sprach von den entstellenden östlichen Berichten über die Westzonen und verneinte mit Entschiedenheit die östliche Form der Bodenreform. Aber die russische Zone lebt ja noch lange nicht so wie die britische, die seit Wochen Mais frißt, weil die Kapitalisten Amerikas keinen Weizen schicken, da sie Ueberfluß an Mais haben!"
Spliedt sagte auch, was man westlich der Elbe von der östlichen Entnazifizierung halte: Wer in den Westzonen ein Nazi sei, gehe in die Ostzone und werde dort ein führender Mann Göring machte ein betroffenes Gesicht, während Lemmer mit kurzen Worten die Ausführungen würdigte.
Lange Wahlzettel erhielten die Delegierten für die Vorstandswahl. Bei Hans Jendretzky stand als Berufsbezeichnung: Schlosser, bei Göring: Handlungsgehilfe, und bei Lemmer: Journalist. Diese drei wurden wiedergewählt.
Der Gesundheitsdienst wurde während der Tagung 70mal in Anspruch genommen, darunter sechs schwere Fälle und eine Operation.
"Keine zehn Pferde -" Volksminister Loritz
"- die Ehre der Arbeiterschaft gerettet", sagte Oberst Tulpanow Spliedt (links) neigt sich vor den Toten, neben ihm Göring und Jendretzky

DER SPIEGEL 17/1947
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