26.04.1947

Die letzte Chance

Es war fast auf den Tag ein halbes Jahr seit der Rede, die Alfred Loriz in den Münchener Mathäser Bierhallen über seine Entnazifizierungspläne hielt. Der Saal, den er sich diesmal wieder für seine Rede ausgewählt hatte, ist Münchens Schwarzmarktzentrale, die man infolge des Versiegens der WAV-Geldquellen hatte mieten müssen.
Das Versiegen der Geldquellen fällt zeitlich mit dem Tode des Kalimagnaten Rechberg zusammen, von dem man weiß, daß er Beziehungen zur WAV pflegte. Der Zirkus Krone wäre teurer gewesen. Etwa 1000 Menschen saßen nun vor den Türen auf Ruinen und lauschten ihrem Sonderminister.
Seiner Rede wurde deshalb besondere Aufmerksamkeit gezollt, weil sein angeblich "bevorstehender Rücktritt" immer noch oder schon wieder das Münchener Stadtgespräch ist. Der "Erholungsurlaub auf unbestimmte Zeit", den der Staatssekretär im Sonderministerium, Arthur Höltermann, demonstrativ antrat, tat ein übriges.
Höltermann hat ganz offen erklärt, durch Einspruch des Säuberungsministers sei das von ihm, Höltermann, ausgearbeitete Schnellverfahren zur Entnazifizierung torpediert worden. Vorigen Montag wurde in seiner Privatwohnung eingebrochen. Es verlautbarte nicht, ob Dokumente entwendet wurden.
Loritz' Verbleiben im Kabinett ist die Kardinalfrage für das Weiterbestehen der Regierungskoalition in Bayern. Die aus den Kreisen der CSU und SPD gleichermaßen betriebene Opposition gegen die amtierende Regierung ist so stark, daß nach einem Ausscheiden der WAV die Koalition in Frage gestellt wäre. Darum wird das "enfant terrible" von den anderen Ministern wider bessere Einsicht gehalten. Die oppositionellen Kräfte haben diese Achillesferse des Kabinetts erkannt und deshalb die Politik des WAV-Führers zum Ziel ihrer Attacke ausgesucht.
Auch die Opposition aus den eigenen Reihen macht sich bemerkbar. In aller Mund ist das Loritz-Wort bei einer Vertrauensmännerversammlung der WAV: "Entweder spuckt uns in drei Monaten jede Bahnhofs-Abortfrau an, oder wir haben alle Wähler hinter uns." Mitgliedsausweise würden auch nicht ausgegeben, berichten seine Mannen, damit bei den Abtrünnigen behauptet werden kann, sie seien nie Parteimitglied gewesen.
In seiner Rede beschäftigte sich der Minister des längeren mit der Presse. Er widmete ihr eine volle Stunde. Keine einzige Zeitung, sagte er, wahre die Objektivität, zu der sie verpflichtet sei. Die Pressesitze, in unmittelbarer Nähe des Redners reserviert, waren leer geblieben
Auch gegen den Staatskommissar für die rassisch, religiös und politisch Verfolgten, Dr. Philipp Auerbach, zog er vom Leder, unterschlug hartnäckig dessen akademischen Grad und forderte ihn auf, zurückzukehren, wo er hergekommen sei: nach Düsseldorf. Auerbach habe nicht wie er selbst mit der Waffe in der Hand gegen die Nazis gekämpft. In München ist allerdings nirgends bekannt, daß Loritz mit der Waffe in der Hand gegen Hitler auf dem Plan erschien.
An Hand etlicher Zahlenbeispiele wies Alfred Loritz nach, daß unter seinen Auspizien die Entnazifizierung keineswegs ins Stocken geraten sei. Die Weihnachtsamnestie werde bis zum 30. April abgeschlossen, ebenso die Jugendamnestie, stellte er amtlich fest.
Am Schluß seines "Schwanengesangs", wie die Rede verschiedentlich bezeichnet wurde, wandte sich Loritz gegen sein eigenes Kabinett. "Keine zehn Pferde hätten mich in diese Koalition hineingebracht", rief er kraftvoll aus, "wenn ich dadurch nicht hätte verhindern können, daß mein schärfster politischer Gegner, Joseph Müller, Ministerpräsident wurde."
Von seiten der Militärregierung scheint Loritz noch einmal eine Chance gegeben worden zu sein. Der Berater der amerikanischen Militärregierung für Entnazifizierungsfragen, Mr. Walter Born, hatte mit ihm ein zweistündiges Interview, nach dem man eine gewisse Festigung seiner politischen Stellung verzeichnen kann.
Auch Ministerpräsident Ehard und sein Stellvertreter Wilhelm Hoegner erachten eine Entlassung des Ministers im Augenblick nicht für akut. Aber ein Sonderausschuß soll die Verhältnisse im Sonderministerium unter die Lupe nehmen.
Der ehemalige "Leibphotograph des Führers", Heinrich Hoffmann, teilte einer Zeitung auf Anfrage mit, er habe keinen Internierten in Moosburg ausfindig machen können, der Loritzens Bild am Schwarzen Brett habe hängen sehen.
Dieser Tage fuhr der "Volksminister", wie sich Loritz zu nennen beliebt, mit seinem Wagen zu einer Sitzung nach Stuttgart. Dort gewahrte er, daß er sein Nachthemd vergessen hatte. Alsogleich schickte er seinen Wagen nach München zurück, um das vergessene Nachtgewand abholen zu lassen. Der Wagen verbrauchte für diese Fahrt 80 Liter Benzin.

DER SPIEGEL 17/1947
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