26.04.1947

Besuch bei Oetkers

Im Betrieb hätte er nicht so reden können! Aber hier sind die Leute ja drei Tage lang zu gut gefüttert worden!" empörte sich einer der kommunistischen Gewerkschaftsdelegierten im Speisesaal der Oetkerwerke in Bielefeld während der Mittagspause.
Dr. Schlange-Schöningen hatte wenige Minuten vorher zum erstenmal vor deutschen Gewerkschaftlern gesprochen. Der Erfolg war sensationell. Die Schlange entwand ihren Beschwörern die Flöte und ließ sie selbst tanzen - nach ganz alter Melodien.
Die Mehrzahl der 400 Gewerkschaftsdelegierten klatschten lebhaft nach der Rede des "bei den deutschen Arbeitern bestgehaßten Mannes" und der Versammlungsleiter konnte wohlwollend feststellen: "Durch Ihren Beifall haben Sie bewiesen, daß Sie den Ausführungen des Herrn Ministers aufmerksam gefolgt sind!"
Der Stellvertreter des Herrn Dr. Dietrich hatte selbst nicht mit solch einem Erfolg gerechnet. Er hatte sich freiwillig in die Höhle des Löwen begeben und sagte wenige Minuten nach seiner Rede in einem Kurz-Interview: "Ich bin sehr, sehr zufrieden mit der Resonanz bei den Gewerkschaftsfunktionären. Ich mußte damit rechnen, daß ich niedergeschrien wurde. Aber es sind ja alles vernünftigte Leute hier, und wenn man vernünftig mit ihnen spricht, sind sie auch vernünftig!" Bei diesen Worten wischte er sich mit seinem blütenweißen Tuch über das schweißüberströmte Gesicht.
"Glauben Sie, ich würde den Mut haben, heute hier vor Ihnen zu stehen, wenn ich nicht ein reines Gewissen hätte?" rief Dr. Schlange mit vibrierender Stimme zu Beginn seiner Rede und breitete dabei seine Hände weit aus.
Er hatte im Sinn, die Delegierten der britischen Zone, die in Bielefeld zur Gründung ihres Gewerkschaftsbundes zusammengekommen waren, davon zu überzeugen, daß auch er nur ein treibendes Blatt in der Strömung sei. Viele in der Versammlung waren offensichtlich schon zu Beginn seiner völlig frei vorgetragenen Rede von seinem ehrlichen Willen überzeugt.
Trotzdem berief sich der Reichsminister a.D. immer wieder auf anwesende Zeugen aus dem Kreise der Arbeiterbewegung. Er betonte, daß er vollkommen der Meinung von Dr. Agartz sei, der mit unbeweglichem Gesicht hinter ihm am Tische saß und einen bizonal abgekämpften Eindruck machte. Er hatte schon vor Schlange gesprochen.
"Wenn es zum Letzten geht, dann ist mir alles ganz egal!" rief der Mann, der sich nach der Verantwortung gedrängt hat, ohne Vollmachten dafür zu bekommen. Es zeigte sich, daß er überhaupt in fast allen Punkten der gleichen Ansicht wie die Gewerkschaften war. So betonte er die unbedingte Notwendigkeit der Bodenreform und eines neuen Erfassungssystems. Auch die Organisation des Reichsnährstandes hält er jetzt für überflüssig.
"Es scheint, daß aus dem Saulus ein Paulus geworden ist", sagte nachher Hermann Gutleut aus Essen, und Dr. Schlange-Schöningen lächelte dazu.
2 000 000 Arbeiter und Angestellte wurden durch die Delegierten im Oetker-Haus vertreten, in deren staatsmännischen Weitblick Sir Sholto sein Vertrauen gesetzt hat.
Die mit knapper Mehrheit und wider Erwarten angenommene Bundessatzung hat die seit langer Zeit nach verschiedenen Richtungen strebenden Ansichten unter einem Hut vereinigt.
Zum Vorsitzenden des neukonstituierten "Deutschen Gewerkschafts-Bundes" wurde der 72jährige Hans Böckler gewählt, der wegen seiner Beständigkeit außerordentlich beliebt ist.
Der Beschwörer des Hungers Schlange aus Schöningen

DER SPIEGEL 17/1947
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