26.04.1947

Kotikow schießt ein Kaninchen

Ein- oder zweimal im Monat hält Oberst Frank H. Howley, Berlins stellvertretender USA-Militärregierungschef, eine Pressekonferenz ab. In seinem Steglitzer Hauptquartier steht er dann amerikanischen und deutschen Journalisten Rede und Antwort. Durch die Ungezwungenheit und Offenheit, durch seine sachliche Schlagfertigkeit und seinen trockenen amerikanischen Humor erfreuen sich diese Konferenzen großer Beliebtheit.
Howley - mittelgroß, drahtig, mit eisengrauem Haar - sitzt gewöhnlich mit übergeschlagenen Beinen in seinem Sessel. Es macht ihm nichts aus, eigenhändig das Fenster zu öffnen, wenn es zu warm wird oder dann, ruhig weitersprechend, die Notizblätter auf seinem Schreibtisch mit Briefbeschwerern und Aschenbechern am Fortflattern zu hindern.
Am letzten Dienstag entschuldigte er sich eingangs, daß er Differenzen unter den Alliierten vor der Presse erörtere. "Aber wir haben keine Wahl, wenn ein Alliierter nur seinen eigenen Standpunkt in die Oeffentlichkeit bringt."
Er meinte damit seinen russischen Kollegen General Kotikow, der eine umfängliche Erklärung zum Rücktritt des Berliner Oberbürgermeisters Ostrowski in der "Täglichen Rundschau" veröffentlichte. Kotikow vertrat darin die Ansicht, es liege keine Veranlassung vor, den Rücktritt zu genehmigen, solange die Kommandantur nicht von der Unfähigkeit Ostrowskis überzeugt sei, und er, Kotikow, sei nicht davon überzeugt. Darüber hinaus richtete er scharfe Angriffe gegen die SPD-Fraktion, Vertreter der amerikanischen Besatzungsbehörden und die amerikanische Presse.
Howley meinte dazu, dieser Zeitungsartikel widerspreche sowohl dem bestehenden Gentlemanagreement als auch dem Kontrollratsgesetz 40. Es untersagt die Publizierung solchen Materials, das auf einen der Alliierten ein ungünstiges Licht wirft. Zu Kotikows Ansicht, die Amerikaner stärkten den "Herren Neumann & Co." den Rücken, meinte Howley: "Tatsache ist, daß wir uns grundsätzlich nicht in die Politik der Berliner Stadtregierung einmischen. Ich wünschte nur, meine Kollegen ließen ebenfalls die Finger davon."
Er halte es überhaupt für bedauerlich, wenn Magistratsmitglieder dauernd zu den Alliierten gelaufen kommen. Sie sollten lieber zu ihren Wählern gehen. Wenn die Russen in der Ostrowski-Affäre die Amerikaner beschuldigen, so komme ihm, Howley, dies so vor, als ob ein Jäger während der Schonzeit ein Kaninchen schießt und zur Entschuldigung anführt, das Kaninchen habe ihn angegriffen.
Die gegenwärtige Stadtregierung habe zwar einen "guten job" geleistet (was auch Kotikows Ansicht ist) Es seien weder Skandale vorgekommen noch Lebensmittel verschwunden wie unter dem alten Magistrat, den die Russen einsetzten. Dennoch will Frank Howley Dr. Ostrowski entlassen wissen, wenn die Stadtverordneten es beschließen.
Die britische Militärregierung hat inzwischen ins gleiche Horn gestoßen: es wäre ein grober Verstoß gegen die demokratischen Grundsätze, wenn in der Sondersitzung der Kommandantur am 28. April nicht dem Willen der Berliner Stadtverordneten und Dr. Ostrowskis selbst entsprochen wird.
Sollte Kotikow sich nicht umstimmen lassen, muß Ostrowski weiter im Amt bleiben.

DER SPIEGEL 17/1947
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