26.04.1947

Gastgeber war Stalin

Gott saß nicht am runden Tisch in Moskau. Bevin jedenfalls hat seine Anwesenheit nicht gespürt. Er unterhielt sich mit Bidault. Warum denn eigentlich auf der Konferenz nichts beschickt sei, war die Frage. Frankreichs Außenminister zitierte den Herrn des Himmels, der es augenscheinlich nicht anders gewollt habe. "Saß denn der überhaupt mit am Tisch?", war Bevins skeptische Gegenfrage.
Das Gespräch fand einige Tage vor dem Abschluß statt. Da nahm die Konferenz gerade einen letzten Anlauf, doch wenigstens noch die Spur einer Ernte in ihre leere Scheuer einzubringen.
Die sechste Woche war nach Aussage des Reuterkorrespondenten in einer "ausgesprochen gereizten Stimmung" zu Ende gegangen, Trotzdem entschlossen sich die Außenminister, nun sogar zum erstenmal am Sonntag zusammenzukommen. Gleich zwei Sitzungen, am Vormittag und am Nachmittag, waren vorgesehen. Die Nachmittagssitzung fiel dann doch aus.
Dafür wurde am Montag der Abschluß des Kohlenabkommens bekanntgegeben. Zwischen England, den Vereinigten Staaten und Frankreich über die "Festlegung des Kohlenexports aus den westlichen deutschen Besatzungszonen".
"Ich schätze mich glücklich", schrieb Bidault an Bevin, "daß Sie zu einem erheblichen Teil die Forderungen befriedigt haben, welche die französische Regierung schon seit langer Zeit erhoben hat." Auch die Regierung in Paris zögerte nicht, ihre Befriedigung auszusprechen. Allerdings mit Einschränkungen. Bidault bemängelte, daß die "Ziffern noch weit von dem entfernt sind, was wir erhofft hatten". Paris will durch das Abkommen in keiner Weise seine künftigen Reparationsansprüche beeinflußt wissen.
Aehnlich die Zeitungen. Nach Meinung des rechtsgerichteten "Combat" ist es für Frankreich von entscheidender Bedeutung, die "Kohlenschlacht" zu gewinnen. Der ähnlich gesinnte "L'Aube" schreibt: "Dank des Kohlenabkommens ist die Moskauer Konferenz kein Rückschlag für Frankreich."
Skeptischer sind die Linksblätter. "Gebt euch keinen Illusionen hin!" warnt "Matin". Ganz böse wird die kommunistische "Humanité": "Das Dreierabkommen macht Frankreich zum Narren des Westblocks."
Dabei sind es gerade französische Kreise, die ihre Genugtuung darüber aussprechen, daß die Amerikaner und Engländer keine politischen Forderungen mit dem Kohlenabkommen verknüpft hätten. Von einem Anschluß der französischen Zone an die Vereinigten Zonen sei nie die Rede gewesen.
In London hingegen werden solche Gedanken erörtert. Nach der englisch-amerikanischen Unterstützung Frankreichs in der Saarfrage sieht der Reuter-Korrespondent in dem Kohlenabkommen einen neuen Beitrag, durch den die Aussichten auf einen Anschluß Frankreichs an die britisch-amerikanische Zonenpolitik steigen könnten.
Jedenfalls waren die Kohlensachverständigen in Moskau erfolgreicher als die Außenminister. Nachdem die Diskussion über den Viermächtepakt wegen der russischen Sonderforderungen hatte abgestoppt werden müssen, stand Oesterreich zur Debatte.
Die streitenden Parteien, die Oesterreicher und die Jugoslawen, wurden gehört. Die Außenminister einigten sich auch über acht Punkte des künftigen Staatsvertrages. Aber nicht über die entscheidenden: Die jugoslawischen Grenzforderungen, die österreichischen Reparationen und die deutschen Anlagen in Oesterreich, die Rußland als Reparationen fordert.
Darüber kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Molotow mußte sich von Bevin und Marshall sagen lassen, die Sowjetunion strebe nach einer wirtschaftlichen Beherrschung Oesterreichs.
Auch drei Geheimsitzungen innerhalb von 24 Stunden - in den vorhergegangenen sechs Wochen hatte es nur eine gegeben - führten nicht aus der Sackgasse heraus. Es wurden schon gar keine Kommuniques mehr veröffentlicht.
Nur aus der dritten Sitzung sickerte einiges durch die verschlossenen Türen. Molotow, will der Reuterkorrespondent gehört haben, wiederholte die gleichen Argumente, wie in den öffentlichen Sitzungen. Worauf sich Marshall erhob und die Tagung mit der Bemerkung beendete, es sei fruchtlos, die Diskussion fortzusetzen, da sich keine neuen Gesichtspunkte ergeben hätten.
Sie wurde auch bei der nächsten Zusammenkunft nicht fruchtbarer. Also wurde ein Ausschuß für Oesterreichfragen gegründet. Er soll schon in Kürze zusammentreten. Dann an Ort und Stelle selbst, in Wien.
Dafür hatten sich die Außenminister, bevor sie die Türen schlossen, in einer anderen Frage geeinigt. Sie gehörte zwar nicht eigentlich zum Konferenzthema, war aber schon in der ersten Sitzung angeschnitten worden. Durch ein Statut wurde der künftige Gouverneur von Triest ermächtigt, zwischen Juli und September dieses Jahres eine Finanzhilfe in Höhe bis zu fünf Millionen Dollar von den Vereinten Nationen zu erbitten.
Das war am Dienstagabend. Am nächsten Tage kam es zur Einigung in einer weiteren Frage. Auch sie war schon in den ersten Tagen angeschnitten worden. Als über die Entmilitarisierung Deutschlands und über das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen gesprochen wurde. Jetzt wurde beschlossen, die Rückführung der Kriegsgefangenen nach Deutschland bis zum 31. Dezember 1948 abzuschließen. Der Alliierte Kontrollrat in Berlin soll angewiesen werden, einen Plan für die Aufnahme der Kriegsgefangenen in Deutschland auszuarbeiten.
Eine andere Frage aus den Konferenzanfängen, die der Ostgrenzen, wurde nicht wieder zur Sprache gebracht. Trotzdem entschloß sich die englische Regierung in der Hoffnung auf denkbare Beschlüsse, das "Unternehmen Schwalbe" vorläufig nicht wieder aufzunehmen. Das kommt einer Weigerung gleich, weitere Deutsche, die aus den polnisch besetzten Gebieten im Osten ausgewiesen werden, in die britische Zone hereinzulassen.
Die Erwartung, auf die London diesen Entschluß gründete, blieb unerfüllt. Die Konferenz in Moskau ging zu Ende, ohne daß noch eine der vielen strittigen Fragen bereinigt wurde. Den Stellvertretern der Außenminister blieb es nur vorbehalten, die behandelten Komplexe säuberlich zu katalogisieren. Für die nächste Zusammenkunft. Sie wird allerdings nicht mehr, wie zunächst angekündigt war, noch in diesem Sommer stattfinden. Sondern erst im November in London.
"Diese Konferenz war nur die erste unter vielen zur Regelung der deutschen Frage", soll Stalin zu Marshall gesagt haben. In der gleichen vielbesprochenen Audienz habe, wie der INS-Korrespondent Kingsbury Smith wissen will, der USA-Außenminister den russischen Generalissimus gewarnt. Es könne leicht zu einer Teilung Deutschlands kommen. Wenn die Außenminister keinen Friedensvertrag zustande brächten.
So ging man auseinander. Aber nicht ohne sich zuvor am Donnerstagabend noch zu einer letzten Wodkaprobe im Kreml vereinigt zu haben. Gastgeber war Stalin.
Sieger in der Kohlenschlacht: Bidault wie immer ohne Hut
Ablösung in Moskau Im gleichen Schritt zum Kreml

DER SPIEGEL 17/1947
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