26.04.1947

Englands Kreuzweg

In der Morgenfrühe des 17. April wurden Dov Bela Gruner, ein jüdischer Terrorist, und zwei andere Mitglieder der Terroristenorganisation Irgun Zvai Leumi gehängt.
Als Folge davon haben sich die Terrorakte in Palästina verschärft. Die Irgun hat über ihren eigenen Sender einen "Vergeltungskrieg" gegen die britischen Truppen in Palästina angedroht und erklärt, für jeden gehängten Terroristen würden zehn Engländer getötet. Mittlerweile haben Ueberfälle auf britische Soldaten und Offiziere stattgefunden. Britischen Truppen und der Polizei ist das Betreten von Tel-Aviv, wo die ersten Unruhen auftraten, verboten worden. Nur Panzerwagen haben Zugang zur Stadt.
Dov Gruner war bei einem Ueberfall auf eine britische Polizeistation verwundet worden. Als er gefangengenommen wurde, hatte er noch seine Pistole in der Hand. Seit Monaten beschäftigte sein Fall die Oeffentlichkeit Palästinas. Als er zum Tode verurteilt wurde, kündigten die jüdischen Terroristen Vergeltungsmaßnahmen an für den Fall, daß das Urteil vollzogen würde. Man versuchte, den Verurteilten dazu zu veranlassen, ein Gnadengesuch einzureichen. Er lehnte es ab, um "als Märtyrer zu sterben".
Gruners Schwester, die in den USA lebt, kam nach Jerusalem, um ihren Bruder umzustimmen und sein Leben zu retten. Als Lautsprecher auf der Straße vor ihrem Hotel ein allgemeines Ausgehverbot für Juden durchgaben, telefonierte sie beunruhigt mit Gruners Anwalt. Der Anwalt versuchte, sie zu beruhigen und erklärte, es sei noch nichts endgültig entschieden. Er selbst werde über alles rechtzeitig unterrichtet. Noch während dieses Gespräch lief, wurde das Urteil an Gruner vollzogen.
Nicht nur in Palästina entstanden nach der Exekution Unruhen. In New York gab es Demonstrationen. Ungefähr 40 jüdische Jugendliche drangen in das Büro des britischen Generalkonsulats ein und protestierten zwei Stunden lang gegen England. Sie sangen patriotische Lieder der palästinensischen Untergrundbewegung und bezeichneten die Engländer als Mörder.
Auch in Berlin-Zehlendorf fanden sich rund 1000 aus Polen verschleppte Juden zu einer Protestkundgebung zusammen. Der Verteidiger Gruners, Max Seligmann, beabsichtigt, beim britischen Staatsrat eine Appellation einzureichen. Falls diese scheitert, will er den Fall vor die UNO bringen.
Die Palästina-Frage wird in der nächsten Woche auf einer außerordentlichen Sitzung der Vollversammlung der UNO debattiert werden. Im Vordergrund steht eine Beratung über die Zukunft der britischen Mandatsherrschaft. Aegypten hat den Vorschlag eingebracht, Palästina zu einem unabhängigen Staat zu erklären und das britische Mandat aufzuheben. Im gleichen Sinne bewegen sich die Vorschläge der arabischen Staaten.
Die jüdische Agentur in Palästina lehnt diese ab. Sie behauptet, eine Beendigung des Mandatszustandes verletze das internationale Uebereinkommen über die Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk. Nach Reuter weist die jüdische Agentur ferner darauf hin, Aegypten habe keinen Finger zur Bekämpfung der Achsenmächte gerührt. Es führe aber nun einen Schlag gegen ein Volk, dessen Söhne in allen alliierten Heeren mitgekämpft hätten, und das sechs Millionen Tote in Europa zu beklagen habe.
UNO-Kreise in New York erwarten "eine lange und schwierige Debatte" in der Sondersitzung der Vollversammlung. Ein britischer Regierungssprecher ist der Ansicht, eine umfassende Klärung könne in der Sitzung nicht erfolgen, "da keine Nation durch ihre hervorragendsten Delegierten vertreten sein wird". Im übrigen soll ein Sonderausschuß eingesetzt werden, der die Vorarbeiten für die Beratung der Palästina-Frage auf der Vollversammlung im September leisten soll. Dem widersprechen die arabischen Staaten. Sie betrachten das als eine Zeitverschwendung.
Währenddessen versuchen illegale Einwanderer weiter, sich in das Land ihrer Sehnsucht zu schmuggeln. Vor Haifa wurde das Schiff "Theodor Herzl" mit 2500 Illegalen an Bord von einem englischen Wachboot aufgebracht. Als Widerstand geleistet wurde, machte die englische Wache von der Schußwaffe Gebrauch. Außer Verwundeten gab es unter den Juden zwei Tote. Sie wurden in Haifa eingesargt. Als die Särge wieder an Bord der "Herzl" gebracht wurden, erwies die englische Wache den Toten militärische Ehren.
Aus New York kommt die Nachricht, daß die amerikanischen Zionisten eine Flugzeug-Flotte für die Einwanderung nach Palästina organisiert haben. Man hält den Lufttransport für sicherer als den streng überwachten Seeweg.
Noch immer illegal Aber Englands Soldaten greifen zu

DER SPIEGEL 17/1947
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