26.04.1947

Von oben herab

Frankreichs "Befreier" General deGaulle hat eine Gruppe von Männern um sich gesammelt, die das Rückgrat seiner neuen Französischen Union bilden. Der "Daily Herald" bezeichnet sie als "de Gaulles junge Löwen". Er bemerkt: "Der älteste von ihnen, Oberst Remy, ist nicht älter als 50 Jahre." Ihre politische Einstellung wird charakterisiert: "Sie betrachten den gewöhnlichen Wähler von oben herab."
Oberst Remy, der Senior, hat die Kundgebung in Bruneval organisiert, auf der General de Gaulle seine neue Befreiungsaktion startete. Durch seine Veröffentlichung "Erinnerungen eines Geheimagenten des freien Frankreichs" trat er als Literat in Erscheinung. "Remy" ist sein Pseudonym, sein wirklicher Name lautet Gilbert Renault. Von Beruf ist er Kaufmann. Im Juni 1940 flüchtete er nach England und war einer der ersten Emigranten, die mit de Gaulle in London zusammenarbeiteten. Seine Familie ließ er in Frankreich. Um sie wiederzusehen, kehrte er über Spanien zurück und organisierte einen geheimen Informationsdienst, der London über die deutschen Absichten informierte.
Der jüngste "Löwe", Diomede Catroux, ist 30 Jahre alt. Er ist Informationssekretär der Sammlungsbewegung. Für seine Tätigkeit bringt er gute Voraussetzungen mit. Er war bis 1943 als Nachrichtenmann in Tunis. Von Beruf ist er Journalist. Seit der Befreiung hat er im Redaktionsstab von zwei Pariser Zeitungen, "Résistance" und "Paris Matin", gearbeitet. Auch er war Mitglied der Widerstandsbewegung
Der dritte im Bunde ist Jacques Soustelle. Der dunkelhaarige, rundliche, 35 Jahre alte Südfranzose ist Generalsekretär der Französischen Union. Ursprünglich war er Anthropologe. Er soll ein Wunderkind gewesen sein. Mit 22 Jahren nahm er an einer wissenschaftlichen Expedition nach Mexiko teil. Seine Arbeiten erregten solches Aufsehen, daß er als Fünfundzwanzigjähriger Hauptassistent des Pariser Anthropologischen Museums wurde. Soustelle stieß 1940 in London zu de Gaulle. Er bekleidete unter ihm verschiedene wichtige Posten. 1943 wurde er "Direktor des Geheimdienstes". Im März 1945 wurde er französischer Informationsminister und im November Kolonialminister.
André Malraux stand an de Gaulles Seite, als er seine große Straßburger Rede hielt. Als Zweiundzwanzigjähriger nahm er an einer archäologischen Expedition im Fernen Osten teil. Eine Zeitlang war er Mitglied der chinesischen Kuomintang-Partei. Als Schriftsteller hatte er verschiedentlich Erfolg mit der Darstellung spannender politischer Ereignisse. 1935 schrieb er einen Roman über den Aufstand in Schanghai. Zur gleichen Zeit griff er in seinen Veröffentlichungen das Dritte Reich an und wurde Präsident eines Komitees für die Befreiung Dimitroffs (Sündenbock beim Reichstagsbrandprozeß).
Während des spanischen Bürgerkrieges diente er in der Republikanischen Luftwaffe und schrieb ein Buch und ein Filmmanuskript über den Krieg. Im November 1940 wurde er unter dem Namen Oberst Berger Befehlshaber der Maquis in Südfrankreich. Malraux wird von den französischen Kommunisten bestens gehaßt. Während seiner Zugehörigkeit zur chinesischen Kuomintang-Partei arbeitete diese noch mit den Sowjets zusammen. Die Wandlung von einem Bewunderer zu einem Kritiker der Sowjets nehmen die französischen Kommunisten ihm übel.
Eine Reihe von Leuten behauptet, Malraux verfasse de Gaulles Reden. Ein englischer Korrespondent bezweifelt das. Er führt an, "de Gaulle ist selbst ein guter Schriftsteller."
Madame geht voran General de Gaulle folgt

DER SPIEGEL 17/1947
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