26.04.1947

Gehen und Zahlen

Ein Mann reiste in Burma umher. Er hielt Hetzreden gegen England und die interimistische Regierung in Rangoon. Um Größere Wirkung zu erzielen, hatte er sich eine Mütze aus Leopardenfell aufgesetzt. Er ließ sich deshalb gern "der Mann mit der Leopardenfellmütze" nennen. Sein wirklicher Name lautet Thakin Ba Sein. Unter dem Schlagwort "Burma den Burmesen" gründete er eine radikale Partei gegen den "britischen Imperialismus".
Sein Ziel ging dahin, die Wahlen zu der Verfassunggebenden Versammlung in Burma zu sprengen. Im Januar war eine burmesische Delegation mit der britischen Regierung in London übereingekommen, eine solche Wahl als Vorstufe für die Unabhängigkeit Burmas durchzuführen.
Wortführer der Delegation war Aung San, Vorsitzender der Antifaschistischen Freiheitsliga. Die burmesische Linke war mit den Londoner Vereinbarungen nicht einverstanden, sie hatte sich geweigert, das Abkommen zu unterzeichnen. Aung San wird von ihnen als englandhörig betrachtet. Die von ihm unterzeichneten Vereinbarungen bedeuteten in Wirklichkeit nur weiteren Dominienzustand, wenn auch verschleiert, wirft man ihm vor.
Dr. Ba Maw, der während der japanischen Besatzungszeit Staatschef von Burma war und Führer der Bewegung "Größeres Burma" ist, griff Aung San besonders heftig an. Er behauptete, Beweise dafür in Händen zu haben, daß Aung San befohlen habe, wer nicht an den Wahlen teilnehme, würde erschossen. Thakin Ba Sein, der Mann mit der Leopardenfellmütze, fühlte sich sogar stark genug, eine revolutionäre Armee von 100 000 Mann aufzustellen, um die Durchführung der Wahlen zu verhindern.
Die Wahlen sind in der vergangenen Woche durchgeführt worden. Aung San reibt sich lächelnd die Hände. Seine Antifaschistische Freiheitsliga hat die Mehrheit errungen. Thakin Ba Sein lächelt ebenfalls. "Ein großer Teil des Volkes hat nicht gewählt, weil es das Manöver erkannt hat", bemerkte er zu einem Reuter-Korrespondenten. Die Wahlbeteiligung war tatsächlich auffallend gering.
Das Volk ist zufrieden, weil die Wahlen ohne große Reibungen verliefen. Von radikaler Seite waren allerlei kriegerische Maßnahmen angekündigt worden. Keine wurde ausgeführt. Brandbomben sollten in die Wahllokale geworfen werden, Flaschen mit Kalkwasser wurden bereitgestellt. Nach den Wahlen wurden sie ungebraucht wieder fortgeschafft. Die Ankündigungen Thakin Ba Seins und Dr. Ba Maws waren nur eine "stille Revolte" geblieben.
Die geringe Wahlbeteiligung wird nicht auf Furcht vor möglichen Gewaltmaßnahmen auf seiten der Radikalen zurückgeführt, sondern auf zwei andere Ereignisse. Das eine war die Ziehung der burmesischen Staatslotterie. Das andere das große Wochenend-Wasserfest aus Anlaß des buddhistischen neuen Jahres. Die Buddhisten feiern Silvester, indem sie einander mit Wasser überschütten. Das war der Bevölkerung wichtiger als die Wahlen. Aung San hatte, trotz guten Ergebnisses, einen schlechten Termin angesetzt. Aung Sans Liga glaubt, daß die neugewählte Versammlung in der Lage ist, in drei Monaten eine Verfassung vorzulegen. Im Augenblick allerdings muß sie sich damit beschäftigen, Streiks, Plünderungen und die Angriffe der Kommunisten abzuwehren. Der "Daily Telegraph" ist der Ansicht, daß ihr dies gelingen wird. Innerhalb von sechs Monaten sollen die fremden Truppen aus Burma zurückgezogen werden, wahrscheinlich sowohl britische als auch indische. Ein höherer Verwaltungsoffizier in Burma meint jedoch, es sei im Interesse des Landes besser, wenn eine kleine Zahl britischer Offiziere in Burma bliebe, um die burmesische Verwaltung und ebenso das burmesische Militär auszubilden.
Auch der "Manchester Guardian" ist der Ansicht, England solle Burma alle nur mögliche Hilfe und Förderung gewähren. Britische Finanzkreise sind nach wie vor stärkstens an Burma interessiert. Der "Daily Telegraph" bemerkt, England habe keineswegs die Absicht, sich aus Burma wirtschaftlich zurückzuziehen.
Das Land war eine der wertvollsten Besitzungen des Empire. Seine Bodenschätze, vor allem an Erdöl, Zinkerzen und Wolfram, sind beträchtlich. Die Zink- und Bleierzvorkommen, hauptsächlich in der Nähe von Lashio, das von der berühmten Burma-Straße berührt wird, werden bereits seit rund 3000 Jahren von Chinesen und Burmesen ausgebeutet. Trotzdem sind die Lager noch keineswegs erschöpft. Besonders wichtig ist das Wolframvorkommen, Burma liefert 22 Prozent der Weltproduktion; außerdem ist der Reis-Export bedeutsam, 75 Prozent der Bevölkerung sind in der Reisproduktion tätig.
Als im Jahre 1942 die Japaner Burma besetzten, sah man zunächst die Befreier in ihnen. Nachdem das Land aber zweimal zum Kriegsschauplatz wurde, bildeten sich Freiheitsbewegungen, die sich zuerst gegen die Japaner, dann aber auch gegen die Engländer und Inder richteten. Seitdem sind die Bestrebungen, endlich unabhängig zu werden, ständig gewachsen. Der Burmese neigt jedoch seiner ganzen Veranlagung nach dazu, ein beschauliches und geruhsames Leben zu führen. Er ist Buddhist. Ein aktiver Geist fehlt ihm.
Während des Ostasienkrieges spielte Burma durch die bekannte Burma-Straße eine militärische Rolle. Für Chinas Verteidigung gegen Japan war dieser sogenannte "Kanonenweg" als Nachschubstraße von besonderer wehrpolitischer Wichtigkeit. Fast alle englischen und amerikanischen Lieferungen an China gingen über diese Gebirgsstraße. Heute hat sie ihre Bedeutung verloren. Sie ist sehr vernachlässigt worden, ebenso wie andere Straßenbauten, die während des Krieges durchgeführt wurden.
Burma wird als das am meisten zerstörte Land des britischen Empire bezeichnet. Wenn Burma endgültig seine Unabhängigkeit erreicht hat, dann bildet es zusammen mit Siam einen großen Pufferstaat zwischen Indien und China. Man könnte es das Polen des Fernen Ostens nennen.
Winston Churchill hat das Uebereinkommen über die künftige Verfassung Burmas nicht vorübergehen lassen, ohne es zu einer ironischen Bemerkung zu benutzen. Er fragte bei Premierminister Attlee im Unterhaus an: "Bedeutet das Abkommen, daß wir zahlen und gehen oder nur, daß wir gehen?"
Der "Mann mit der Leopardenfell-Mütze" war ein sanfter Rebell

DER SPIEGEL 17/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Gehen und Zahlen

  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld
  • Stunt-Video aus Thailand: Mit dem Wakeboard über den Wochenmarkt