26.04.1947

Wandernde Särge

Nur die Schlüssel ließen die Franziskanermönche des Klosters Castagnavizza zurück, als sie vor den Jugoslawen über die steinwurfnahe Grenze nach Italien auswanderten. Die Obhut über das Kloster vertrauten sie ihren Ordensbrüdern in Laibach an. Ihrer Fürsorge empfahlen sie auch die Sarkophage der letzten Bourbonenkönige, die in der Krypta der Klosterkirche ruhen.
In der nahen Stadt Görz, zwischen deren Toren und dem Kloster die neue Grenze verläuft, reklamieren die Behörden die Bourbonensärge. Nur auf italienischem Boden und in ihrer Stadt könnten die letzten Nachfahren der alten französischen Königsfamilie wirklich ihre letzte und endgültige Ruhestätte finden.
Aber noch kann niemand sagen, ob die neuen jugoslawischen Behörden die Ueberführung gestatten werden. Die Regierung in Rom hat sich eingeschaltet. Sie hat die alliierte Militärkommission in Italien um Vermittlung gebeten. Diese hat das Gesuch an die Regierungen in London und Washington weitergeleitet.
Es sind sechs Särge, die ihre Staatszugehörigkeit zu wechseln suchen. In den Särgen ruhen die Gebeine Karls X., des letzten legitimen Bourbonenkönigs von Frankreich, und seiner Nachkommen bis zum Aussterben dieses Familienzweiges im Jahre 1883.
Seitdem Karl X. vor dem Sturm der Juli-Revolution 1830 sein Land verlassen und seinen Thron dem "Bürgerkönig" Louis Philippe einräumen mußte, hat er keine Ruhe mehr gefunden. Im Leben nicht und nicht im Tode.
Er war nach Prag emigriert. Aber das böhmische Klima behagte ihm nicht. Auf umständlichen Wanderwegen kam er im Oktober 1836 nach Görz. Doch nur, um knapp vier Wochen später zu sterben. Die Franziskaner von Castagnavizza bereiteten ihm und seinen Nachkommen eine Ruhestätte in ihrer Kirchenkrypta.
Dort ruhten sie, bis während der Isonzoschlachten des ersten Weltkrieges auf Anordnung der Habsburger die Särge in das Karmeliterkloster bei Döbling gebracht wurden. Bis zum Jahre 1927. Da hatte es Exkaiserin Zita, die Witwe des letzten gekrönten Habsburgers Karl, durchgesetzt, daß die Särge wieder nach Castagnavizza zurückgebracht wurden.
Nun sollen sie wieder wandern. Diesmal, so sagt der Magistrat von Görz, zu ihrer endgültigen letzten Ruhestätte.
Karl X. von Frankreich verschleppt seit 1830

DER SPIEGEL 17/1947
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