26.04.1947

Der Stiefel drückt

Als der 73 Jahre alte italienische Außenminister Graf Sforza sich in den Palazzo Chigi begeben wollte, um den britisch-italienischen Handelsvertrag zu unterzeichnen, wurde er von Demonstranten angerempelt und festgehalten. 10 Polizisten standen daneben und schauten sich den Vorfall an.
In Sizilien wurde Premierminister de Gasperi durch Sprechchöre daran gehindert, eine Rede zu halten. Wie er sagt, verzichtete er daraufhin, zu den Sizilianern aus Anlaß der Wahlen zu sprechen, um Zusammenstöße zu vermeiden.
Die Unruhen in Italien nehmen ständig zu. Es sind in erster Linie arbeitslos gewordene ehemalige Kriegsgefangene und Jugendliche, die in den Hauptstraßen der italienischen Städte demonstrieren. Besonders wild ging es auf dem Schwarzen Markt in Rom zu. Ein Zug von ungefähr 200 Demonstranten stürmte die Stände der Schwarzmarkthändler. Während dieser Ausschreitungen wagte die Polizei nicht, einzugreifen. Sie befürchtete Straßenschlachten. Um wenigstens etwas zu tun, hatte die Polizei amerikanische Jeeps als Sperren auf den Fahrbahnen und Bürgersteigen aufgestellt. Die Jeeps waren vor einigen Monaten aus den Beständen der amerikanischen Invasionsarmee an die italienische Regierung verkauft worden.
Die Schwarzhändler beklagten sich darüber, daß die Polizei nichts zu ihrem Schutze unternommen und vor den Demonstranten klein beigegeben habe. Die Unruhen hatten gleichzeitig Plünderer angelockt, die von den Schwarzmarktwaren fortschleppten, was sie erreichen konnten. Ein Polizist versuchte, die Ehre seines Standes wahrzunehmen und das Plündern zu verhindern. Er wurde kurzerhand von einem Demonstranten mit einem schweren Brotlaib zu Boden geschlagen.
Als der Fotoreporter der "New York Herald Tribune" versuchte, diese Vorgänge im Bilde festzuhalten, sah er sich plötzlich von 20 Demonstranten umringt. Sie verlangten von ihm seine Kamera und vernichteten den soeben belichteten Film. Dann erkannten sie in ihm den Mann, der tags zuvor die Ausschreitungen gegen Graf Sforza fotografiert hatte und forderten nun von ihm das Honorar, daß er für seinen Schnappschuß erhalten habe.
Sprechchöre wurden gebildet. Sie riefen: "Warum geht Ihr Amerikaner nicht nach Hause?"
Die Unruhen haben auf Genua, Turin, Novara und andere italienische Städte übergegriffen.
Die Kundgebungen werden auf einen neuen kommunistischen Feldzug gegen die Regierung zurückgeführt. Die Kommunisten behaupten, sie würden die Interessen des kleinen Mannes in Italien verteidigen. Sie verlangen ein System, nach dem "derjenige, der mehr besitzt, auch mehr bezahlen soll, und derjenige, der weniger hat, mehr erhalten soll". In Sizilien wurden die Kundgebungen gegen de Gasperi vor allem von Monarchisten und Unabhängigen, die für die Selbständigkeit der Insel kämpfen, veranlaßt.
Die politische und soziale Krise, die das Land im Augenblick durchmacht, wird als sehr ernst bezeichnet. Die Regierung hat sich gezwungen gesehen, ein Gesetz zu erlassen, das Kundgebungen und Demonstrationen auf öffentlichen Plätzen verbietet. Ein Vertreter der United Press in Rom sieht darin "die drastischste Handlung seit der Befreiung vor zwei Jahren". Er meint weiter, die Regierung sei durch die neuen Agitationsmethoden und die soziale Krise in ihrer Stellung stark erschüttert worden.
Schuld an den Unruhen sind die zu hohen Lebenshaltungskosten und die Arbeitslosigkeit. Die Regierung de Gasperi hat zwar eine Reihe von außerordentlichen Maßnahmen beschlossen, in denen sie die Rückkehr zu einer normalen Friedenswirtschaft sieht. Neben einer gestaffelten Vermögensabgabe und Steuererhöhung ist beabsichtigt, die Lebensmittelpreise um 5 Prozent herabzusetzen. Die Gehälter der Minister will man um 10 Prozent kürzen. Um den Etat auszugleichen, werden ferner die Gebühren für Post, Telefon und Gas erhöht. Auch die Bekämpfung des Schwarzhandels taucht in dem Regierungsprogramm wieder auf.
Die von der Regierung erwartete psychologische Wirkung dieser Maßnahmen ist nicht eingetreten. Die Preise für Brot und Milch sind sogar noch gestiegen und andere Lebensmittel plötzlich vom freien Markt verschwunden. In den Betrieben streikt die Belegschaft, um bessere Löhne zu erreichen. Auch öffentliche Angestellte und Gemeindebeamte verlangen Lohnerhöhungen.
Das Kabinett blickt hilfesuchend nach den Vereinigten Staaten. Man hofft auf den Kredit, den Ministerpräsident de Gasperi von seiner Amerikareise im Januar auf dem Papier mitgebracht hatte. Die 100-Millionen-Dollaranleihe ist allerdings vorläufig ein Wechsel auf lange Sicht. Italien hat bisher nur kurzfristige Kredite zur Bezahlung von Getreide- und Kohlenlieferungen erhalten.
Der Präsident der Bank von Italien hat erklärt, eine Anleihe von mindestens 50 Millionen Dollar sei zur Ueberwindung der gegenwärtigen Krise unerläßlich. Die Amerikaner entgegnen jedoch, Italien solle zuerst einmal eine stabile Regierung bilden, die Autorität und das Vertrauen des Auslandes besitze.
Das Honorar für die Aufnahme forderten die Demonstranten - Protestkundgebung vor dem italienischen Außenamt

DER SPIEGEL 17/1947
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