26.04.1947

100 Millionen Franzosen

Frankreichs Staatspräsident Vincent Auriol fuhr mit dem Kreuzer "Richelieu" von Toulon nach Dakar, dem Haupthafen der westafrikanischen Kolonialgebiete.
Bei der Ausreise erschien über der "Richelieu" ein Flugzeug. Pilot war Jules Moch, der Minister für öffentliche Arbeiten. Er übermittelte dem Präsidenten durch Funktelephon die besten Wünsche des Ministerpräsidenten Ramadier und seines Vorgängers Leon Blum. Präsident Auriol war sehr gerührt.
Er konnte diese Wünsche brauchen, denn er hat eine anstrengende Reise vor sich. Für Frankreich hängt viel von ihr ab. Sie führt ihn von Dakar auf dem Luftwege nach Saint Louis an die Mündung des Senegal, tief ins Hinterland und später zur Elfenbeinküste. Ueberall sind Empfänge und Zeremonien vorgesehen, die die Bindungen zum Mutterland stärken sollen
Die "Richelieu" ist der französische "Vanguard"*). Die Parallele mit der Südafrika-Reise der britischen Königsfamilie ist auffallend. Aber Auriol wird weniger glanzvoll empfangen als das Königshaus. In Dakar gab der Bürgermeister ein Festessen zu Ehren des hohen Gastes. Nach dem Essen erkrankten 20 Reisebegleiter des Präsidenten an Vergiftungserscheinungen.
Ursprünglich war auch ein Besuch in Nordafrika beabsichtigt. Er ist "Umstände halber" zunächst wieder abgesagt worden. Dafür hat der Sultan von Marokko, Sidi Mohammed Ben Jussef, eine Staatsvisite in Tanger gemacht. Es war das erstemal seit 1889, daß ein marokkanischer Sultan die internationale und die spanische Zone durchreiste.
Sidi Ben Jussef sprach von Tanger als der "diplomatischen Hauptstadt Marokkos" und betonte die Verbundenheit mit den in der arabischen Liga vertretenen Ländern des Mittleren Ostens. Das hat in französischen Kreisen Beunruhigung hervorgerufen.
Schon vor kurzem kam es in Casablanca zu einem ernsten Zusammenstoß zwischen Eingeborenen und dort stationierten französischen Senegaltruppen. Es entwickelte sich eine regelreche Schlacht, bei der es außer mehreren hundert Verwundeten 61 Tote gab. Die Unruhen nahmen ihren Ausgang im Freudenviertel Casablancas. Ein Berichterstatter der United Press sieht in ihnen den Beginn größerer Aktionen.
Marokko ist im Westen des Mittelmeeres ebenso wichtig, wie es Palästina im Osten ist. Außerdem grenzt es an Algerien. Auch dort ist die Lage für Frankreich gefährlich, obgleich Algerien mit seinen drei Departements ein Teil des Mutterlandes ist, also nominell dem europäischen Frankreich gleichsteht. Die algerische Volkspartei ist verboten. In der Pariser Kammer gibt es nur fünf Deputierte, die einer anderen Partei angehören. Dem Parteiführer Messali Hadsch wurde die Aufenthaltserlaubnis in den Städten versagt. Seine Anhänger kommen deshalb zu ihm aufs Land, so daß er Versammlungen mit bis zu 5000 Zuhörern seine Unabhängigkeitsgedanken vortragen kann.
Innenminister Depreux reist augenblicklich durch Algerien, um eine neue Territorialverfassung vorzubereiten. Er versucht, die gemäßigte, sogenannte Manifest-Partei, gegen die Unabhängigkeitsvertreter auszuspielen. "Aber es scheint, daß die Franzosen zu lange gewartet haben und daß auch Zugeständnisse zu spät kommen, um einen nationalistischen Erdrutsch abzufangen." So urteilt die Londoner Zeitschrift "Tribune".
Frankreich hat in Nordafrika bereits 100 000 Soldaten. Weitere 200 000 werden im nächsten Monat eingezogen. Inzwischen sind Verstärkungen aus der französischen Besatzungsarmee in Deutschland nach Algerien und Marokko kommandiert worden.
Ein weiteres Beispiel für die Krise im französischen Kolonialreich ist Madagaskar. Diese große Insel, der südlichen Ostküste Afrikas vorgelagert, befindet sich seit dem 30. März im Aufstand. Die Nachrichten sind nicht ganz durchsichtig. Der Hohe Kommissar, Marcel de Coppet, hält widerspruchsvolle Reden. Einmal behauptet er, der Aufruhr sei niedergeschlagen. Dann wieder kündigt er militärische Verstärkungen an. "Das Volk von Madagaskar hat versucht, seine Kräfte mit Frankreich zu messen und dabei einen elenden Fehlschlag erlitten. Die Autonomisten-Partei besteht nicht mehr, und wenn Köpfe rollen müssen, werden sie rollen." Sagte er. Inzwischen werden französische Luftstreitkräfte und Fallschirmtruppen zu neuen Kämpfen eingesetzt.
In VietNam kämpft Frankreich für Afrika, stellt die "Tribune" fest. Das Ende des Ringens um Indochina ist noch nicht abzusehen. Es gleicht einer Lawine, die alles mit sich reißt.
Um den Abfall der Kolonien aufzuhalten, baute man den Gedanken der "Union Francaise" in die Verfassung der Vierten Republik ein. Diese Französische Union soll die koloniale Abhängigkeit durch eine Gleichheit ersetzen, in der das Mutterland die Rolle einer freundlichen Führung übernimmt. "Das Kolonialreich ist tot. An seiner Stelle errichteten wir die Union. Frankreich bereichert, geadelt und vergrößert, wird morgen 100 Millionen Bürger und freie Menschen besitzen." Mit diesen Worten des Generalberichterstatters Pierre Cot in der Verfassunggebenden Nationalversammlung sollte das Kolonialproblem gelöst werden.
Als in einer Debatte über die Verfassung der Vierten Republik ein Abgeordneter der überseeischen Gebiete von seinem Vaterland jenseits des Wassers sprach, wurde er durch einen wütenden Zwischenruf zurechtgewiesen: "Ihr Vaterland heißt Frankreich, mein Herr!" Das war vor allerdings einigen Monaten, berichtet das Schweizer "St. Gallener Tagblatt".
*) Die englische Königsfamilie fuhr am 31. Januar mit dem Schlachtschiff "Vanguard" nach Kapstadt.
"Platz des Todes" in Marrakesch, Residenz des Sultans von Marokko

DER SPIEGEL 17/1947
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