26.04.1947

Zu viel Echo

Der zweite Lebensabschnitt im Dasein des "Ruf" fand am 10. April ein jähes Ende, als die amerikanische Militärregierung den beiden Rufern, Alfred Andersch und Hans W. Richter, den Mund stopfte, indem sie das Blatt verbot.
Der erste Abschnitt begann, als sich in einem Lager an der Ostküste der USA eine Gruppe antifaschistischer deutscher Kriegsgefangener zusammenfand und am 1. März 1945 die erste Nummer einer Zeitschrift herausbrachte, die in allen Camps des Landes verkauft wurde. Trotz mannigfacher Schwierigkeiten hinter dem Stacheldraht war das Niveau beachtlich hoch - für manche vielleicht zu hoch.
"Der Ruf" war für viele junge Deutsche das erste Presseerzeugnis in deutscher Sprache, das außerhalb der Goebbels-Sphäre stand, und sie erschraken fast, so offene Worte über das Dritte Reich gedruckt zu sehen. "Der Ruf" stellte einen wesentlichen Faktor im amerikanischen POW-Erziehungsprogramm dar. Er erschien bis zum Frühjahr 1946 - dann ließen die Redakteure das Dauerpanorama des Stacheldrahtes hinter sich und fuhren nach Deutschland zurück, dem Ruf der Freiheit entgegen.
Im Sommer 1946 erschien die erste Nummer des "Ruf". Keine Jugendzeitschrift, sondern eine Zeitschrift von und für die Jahrgänge der Frontgeneration. Trotz geringer Auflage (die später auf 70 000 stieg) hatte "Der Ruf" ein lautes Echo, wenn auch bald der Spitzname "der schlechte Ruf" auftauchte. Im "Ruf" wehte frischer Wind, hier wurde wirklich frei von der Leber weg geredet und furchtloser Journalismus getrieben - ganz gleich, wer der Gegner auch sein mochte.
"Die Neue Zeitung" stand Pate, indem sie des öfteren Artikel in ihrer gewaltigen Auflage nachdruckte, und es schien, als freuten sich die Amerikaner, im "Ruf" jene legale demokratische Opposition ad oculos demonstrieren zu können, die die jungen Redakteure in Amerika kennengelernt hatten.
Besonderes Aufsehen erregten die Vorschläge der Zeitschrift zur Sanierung der deutschen Universitäten durch Einladung emigrierter Professoren. (Hierbei passierte ein erster Lapsus: "Es besteht gar kein Grund, ihr (der Jugend) übelzunehmen, wenn sie die Besatzungsmacht verdächtigt, sie ginge auf eine Senkung des wissenschaftlichen Niveaus der deutschen Hochschulen aus.")
Ende des Jahres übernahm es Andersch, die neu eingerichtete Jugendbeilage der US-amtlichen "Neuen Zeitung" zu redigieren, aber er wollte ja "unabhängig" sein, und so gab er diesen Nebenposten (an einen anderen Redakteur des POW-"Ruf") ab. Und bald wurde behauptet, beim "Ruf" handle es sich nicht so sehr um "Blätter der jungen Generation", wie vielmehr um ein Blatt der neuen Opposition, ja, der Reaktion, was freilich in gewissen Kreisen den Kredit der Zeitschrift wachsen ließ.
"Der Ruf" veröffentlichte mit Vorliebe Artikel aus der alliierten Presse, in denen für Deutschland das Wort ergriffen und die alliierte Deutschland-Politik angegriffen wurde. Er befaßte sich gern mit Persönlichkeiten wie Theodor Steltzer,*) Arthur Koestler,**) Friedrich Stampfer.***)
Aber Andersch hatte eine Schlange am Busen genährt: bald erschien auf der von ihm aus der Taufe gehobenen Jugendseite der "Neuen Zeitung" ein hitziger Angriff, in dem "Der Ruf" nazistischer Absichten verdächtigt wurde. (Ein Beitrag des jungen Verfassers fand sich in der gleichzeitig erscheinenden Nummer des von ihm also geschmähten Blattes.)
Der Angriff schoß zwar vorbei, aber die Replik auch. Großes Hallo, abermaliger Kreditgewinn für den "Ruf". Außenstehende Beobachter meinten wohl auch, die Attacke der "Neuen Zeitung" sei überhaupt als Reklame für den "Ruf" gedacht gewesen. Aber als "Der Ruf" munter weiter krittelte und spöttelte, zeige es sich, daß die Amerikaner es ernst meinten: eines Tages setzte es eine Auflagenkürzung von 70 000 auf 50 000, und ein Leitartikel der "NZ" polemisierte, dunkel und ohne Namen zu nennen, gegen "eine süddeutsche Halbmonatsschrift", die sich neofaschistischer Tendenzen schuldig gemacht habe. Die Redaktion beschloß, in Zukunft vorsichtiger zu sein.
Aber zu spät - Der Stein war im Rollen. Auch bei den Russen hatte der "Ruf" ein mißliebiges Echo ausgelöst, ebenso bei den Briten, deren Zone ein Lieblingsobjekt von Andersch war. Es war das erste Mal, daß die US-Militärregierung mit einem regelrechten Verbot gegen ein Blatt einschritt.
Andersch und Richter mußten gehen. Etliche Mitarbeiter gingen freiwillig mit. Um den Ruf des "Ruf" zu retten und ihn vielleicht doch noch fortführen zu können, übernahm der Verlag die Herausgeberschaft. Die Amerikaner hatten ein Einsehen und sagten zum weiteren Erscheinen der Zeitschrift "o.k.".
Herr Andersch und Herr Richter aber verbreiten geflissentlich die Nachricht, daß mit ihnen die gesamte Redaktion des "Ruf" ausgeschieden sei. Eine Meldung, die vom Verlag ganz entschieden dementiert wird.
*) Vorerst noch Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Korvettenkapitän und 20.-Juli-Mann, Wortführer der evangelischen Kirche.
**) Journalist und Schriftsteller, Jude, Spanienkämpfer, später kommunistenabtrünnig.
***) Bis 1933 Chefredakteur des sozialdemokratischen "Vorwärts" in Berlin, jetzt der "Neuen Volkszeitung" in New York, kämpft u.a. gegen die "sture Austreibungspolitik" der Tschechen.
In Nr. 1 kapitulierte die Wehrmacht In Nr. 16 die Redaktion

DER SPIEGEL 17/1947
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