26.04.1947

Heimkehr aus der Emigration

Mit schmalem, klugem Gesicht, groß und hager saß Ludwig Renn auf seinem Ehrenplatz, als der Kulturbund in seinem Berliner Klubhaus in der Jägerstraße einen Empfang für ihn, den Heimkehrer aus der Emigration, veranstaltete. Alliierte Offiziere waren unter den Ehrengästen, die Vorsitzenden der SED, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, waren gekommen, die literarische Prominenz Berlins war anwesend, und mit sechs Ansprachen wurde Ludwig Renn begrüßt.
Der Roman "Der Krieg" war es, der Ludwig Renn, dem gebürtigen Dresdner und einstigen Generalstabsoffizier, dessen adliger Familienname Arnold Vieth v. Golßenau ist, in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg internationalen Ruf eintrug. Ein zweiter dokumentarischer Roman "Nachkrieg" folgte.
Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand 1933 wurde der Dichter, der sich dem Kampf für die proletarische Sache verschrieben hatte, verhaftet. Die Nationalsozialisten steckten ihn für 2 1/2 Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung gelang es ihm, in die Schweiz zu entkommen. In einer nächtlichen Ruderfahrt flüchtete er über den Bodensee. In der Schweiz erschien 1936 sein Buch "die große Wandlung".
Der Bürgerkrieg in Spanien sah Renn zunächst an der Spitze des Bataillons "Thälmann" und später als Generalstabschef der 11. Internationalen Brigade auf der Seite der spanischen Republikaner. In diese Zeit fiel eine Reise in die Vereinigten Staaten, wo Renn Vorträge über Spanien hielt. Nachdem er nach seiner Rückkehr eine Offiziersschule der spanisch-republikanischen Armee geleitet hatte, brachte das Ende des Bürgerkrieges auch ihn in die französische Internierung.
Nach der Befreiung aus dem Lager lebte er einige Zeit illegal in Frankreich. Sein Weg führte ihn dann über England nach Amerika und 1939 nach Mexiko. Ludwig Renn wurde Präsident der Bewegung "Freies Deutschland" in Südamerika und Professor für moderne europäische Geschichte an der Universität Morelia.
Seine "Kunst der Kriegführung" erschien, und von "Adel im Untergang", einer autobiographischen Romantrilogie über den Niedergang des deutschen Adels, wurde der erste Band fertiggestellt. Dieser Roman wird demnächst auch im Aufbauverlag in Berlin erscheinen. Ein anderes Buch, das von Ludwig Renn zu erwarten ist, ist ein wissenschaftliches Werk, das die nationalsozialistische Rassenideologie entkräftet: "Vom Affen zum Menschen".
Auf dem Empfang des Kulturbundes sprach der jetzt 58jährige seinen "ungeheuren Optimismus für Deutschland" aus. Es sei für ihn eine absolute Notwendigkeit gewesen, nach Deutschland zurückzugehen, dort fände er das Echo, das er brauche, dort lägen seine Notwendigkeiten. Nie habe er im Ausland gehabt, was er in Deutschland habe.
Ludwig Renns Worte waren ein Bekenntnis zu dem Geist der Freiheit aus Deutschlands klassischer Zeit, zu der Freiheit, von der Goethe und Schiller gesprochen haben und an deren Wiederkehr in einer unserem Jahrhundert gemäßen Form er glaubt.
Ludwig Renn: "Im Ausland habe ich nie gehabt, was ich in Deutschland habe"

DER SPIEGEL 17/1947
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