26.04.1947

Der Mörder, dem man nicht glaubt

Das Theaterstück "Onkel Harry" von Thomas Job ist in Amerika ein großer Filmerfolg gewesen. Robert Siodmak, der in Deutschland vor 1933 zuletzt "Brennendes Geheimnis" mit Willi Forst drehte, ist mit diesem Film in Amerika bekannt geworden. Jetzt ist das Stück nach Hamburg gekommen. Willy Maertens spielt "Onkel Harry" im Thaliatheater.
Es ist ein "gefährliches" Stück, denn die Onkel Harrys könnten ihre Lehre daraus ziehen. Harry Quiency erzählt als Wrack in einer Vorstadtkaschemme rücklaufend die ebenso tragische wie groteske Geschichte seines Lebens.
Onkel Harry und seine beiden Schwestern sind das Opfer eines elterlichen Testaments geworden. Es schmiedete sie in ein und dasselbe Haus als gemeinsame Nutznießer zusammen. Die altjüngferlichen Schwestern zerfleischen den Bruder mit Liebe und Eifersucht.
Einmal hätte Onkel Harry dieser schwesterlichen Folter durch die Flucht in die Ehe entgehen können. Aber auch diesen Fluchtweg haben die "lieben" Verwandten versperrt.
Da faßt Onkel Harry einen verständlichen und etwas schändlichen Entschluß. Er will sich noch einmal selbst eine Lebens- und Liebeschance geben. Daher mischt er nur das Gift und läßt die ahnungslose Schwester die andere umbringen.
Onkel Harry hat ein raffiniert feines Indiziennetz um sie gesponnen. Aber als das Todesurteil über die Schwester gesprochen wird, merkt er, daß er sein eigenes Dasein vollends gemordet hat. Die erhoffte Geliebte will von dem ramponierten älteren Herrn nichts wissen, und kein Richter glaubt ihm mehr das Mordgeständnis.
Die zum Tode Verurteilte aber hat genug von ihrem Leben. Sie übergibt den Bruder dem Alleinsein und den Selbstvorwürfen.
Willy Maertens macht aus diesem Familiensklaven und Mörder, dem man den Mord nicht glaubt, eine feine psychologische Studie, beängstigend lebensnah, wenn auch aus der Plüschatmosphäre.

DER SPIEGEL 17/1947
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