26.04.1947

Die Toga beherrscht die Szene

Der moderne französische Schauspieler ist die Toga fast so gewöhnt wie seinen Straßenanzug. Die Antike beherrscht die französische Bühne. Im Pariser Theater Pigalle trat jetzt das alte Rom in Erscheinung. Man gab "Messalina" von Claude Vermorel, dem Autor, der in einem Stück über die Jungfrau von Orleans schon einmal mit Schiller und Shaw gewetteifert hat.
"Messalina" wurde von Georges Douking in Szene gesetzt und aufreizend und seltsam ausgestattet. Das blutige Schauspiel mit viel Mord und Totschlag, Haß und Liebe vollzieht sich unter gigantischen Säulen und unter Rundbogen, zwischen denen Taue und Netze hängen. Sehr viele Bindfäden sind dabei draufgegangen und sehr viel Papier.
Juvenal, der Satiriker des antiken Rom, hat die berüchtigte Dame Messalina mit bissigem Ingrimm für alle Zeiten gebrandmarkt. Vermorel macht nicht gerade den Versuch, sie zu rehabilitieren. Immerhin entbehrt ihre Leichtfertigkeit bei ihm nicht des Jammers und ihre Liebestollheit nicht der Hochherzigkeit.
Der Autor gibt im Programmheft einen Kommentar zu seinem Stück. Ihm sei, erzählt er, die Idee dazu 1941 gekommen, als das alte Frankreich zerstört worden war. Die Messalina seines Stückes verkörpere die dritte Republik, die in ihrem Glück und ihrer Weitherzigkeit von aller Welt geschmäht wurde und dem finsteren Attentat erlag wie Messalina der "autoritären" Agrippina.
Das Duell zwischen den beiden Frauen dreht sich nicht nur um Macht und um den schönen Silius, den Messalina ihrer Rivalin wegschnappt, sondern auch darum: Messalina möchte mit Silius ein sozialisiertes Phäakenreich errichten, in dem der Friede, die Kunst und das süße Nichtstun herrschen, Agrippina dagegen kennt nur die Machtgier und die verbrecherische Intrige.
Die Kritik ist sehr uneinheitlich. Sie findet allgemein, daß die großartige Schauspielerin Suzy Prim in der Rolle der Messalina versagt habe. "Epoque" vergleicht das Stück mit einer Bleifigur ohne Kunst und Leben. Man sei nun endlich dieser griechisch-römischen Dramen übersatt, die keine Verbindung zur lebenden Welt haben.
"Le Monde" findet, Vermorel habe ein Werk von Substanz geschaffen, das an Shakespeare heranreiche. Der Kritiker der "Humanité" gesteht, er habe das Ende des 4. Aktes nur mit Ungeduld abwarten können.

DER SPIEGEL 17/1947
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