26.04.1947

Station Nordpol ohne Geräusche

Hörspiel - das müsse keineswegs der große Aufwand an Apparat sein, wie man ihn bisher so oft zu Gehör bekommen habe, sagte Kurt Naue, der Leiter der Hörspielabteilung des Berliner Rundfunks, als er auf einer Pressekonferenz auf das Thema Hörspiel zu sprechen kam. Kurt Naue äußerte eine durchaus gegenteilige Ansicht.
Er beschwor die Autoren, das Gewicht auf das Wort zu legen, auf das, was man "Magie des Wortes" nennt. Wie er sich das denkt, zeigte Kurt Naue jetzt in seinem eigenen Hörspiel "Station Nordpol", dessen Ursendung der Berliner Rundfunk brachte.
Es ist nach Tagebuch-Aufzeichnungen Iwan Papanins, des mit dem Ehrentitel eines "Helden der Sowjet-Union" ausgezeichneten russischen Polarforschers, zusammengestellt.
1937 startete Iwan Papanins Expedition mit Flugzeugen in Richtung Nordpol. Auf einem Treibeisblock richtete sie ihre Forschuungsstation ein. Heftige Stürme trieben den Eisblock übers Meer und in große Gefahr.
Nur der Rundfunk verband Papanin und seine Begleiter mit der übrigen Welt. Radio Moskau und Leningrad veranstalteten eigens für diese Männer in Eis und Einsamkeit Musiksendungen. Sie sendeten ihnen die Stimmen ihrer Frauen in den hohen Norden.
Nahezu neun Monate trieben die Forscher und ihr Hund Wißjoli, d. i. "der Lustige", durch das Eismeer zwischen Nordpolarbecken und Grönland. Dann gelang es zwei der ausgesandten Eisbrecher, sie zu bergen.
Aus dem knappen Tagebuchbericht Papanins hat Kurt Naue ein dramatisches Interview gemacht. Er läßt einen amerikanischen Reporter auftreten, der von den Heimkehrern Sensationsberichte zu hören wünscht.
"Wir erlebten keine Sensation", erklärt der Polarforscher sachlich und nüchtern, "nur Kampf mit den Elementen. Polarnacht, verirrte Kameraden, die wir wiederfinden mußten, ein Flieger, den wir mit Wettermeldungen zu versorgen hatten, und der uns plötzlich keine Funkzeichen mehr gab, das Bergen unserer Geräte vor Sturm und Eisrissen - und Arbeit, Arbeit, Arbeit."
Jedesmal, wenn der Reporter eine Frage gestellt hat, wird ein Abschnitt aus dem Expeditionsleben der Männer heraufbeschworen, allein mit dem gesprochenen Wort. Der Regisseur Hannes Küpper verzichtete, getreu der Auffassung Naues, auf sinnfällige Geräuscheffekte.
Wenn die Eisschollen brechen und die Eismassen sich aneinander pressen, begleiten ein paar kurze Takte der sehr suggestiven Musik, die Boris Blacher schrieb, die Augenblicke der Spannung und Gefahr. Die Wirkung wird aus dem Kontrast der menschlichen Stimmen gegeholt: die exaltierte Stimme des Reporters steht gegen die männlich-festen der Forscher.
Die Geräuschkulisse schmilzt auf ein Mindestmaß zusammen. Die Kunst des Weglassens ist hier in einem Hörspiel angewandt, dessen Dramatik nicht im Ereignis liegt, sondern darin, daß der Mensch vor der Wucht der Natur besteht.
Aus dem Tagebuch, das Iwan Papanin (hier mit Wissjoli) schrieb, wurde ein Hörspiel

DER SPIEGEL 17/1947
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