26.04.1947

Die Männer, mit denen sie tanzte

Vielleicht können die Franzosen so gute Filme machen, weil sie gute Maler sind. Auch der Film des französischen Filmregisseurs Julien Duvivier "Carnet de Bal", der unter dem deutschen Titel "Spiel der Erinnerung" jetzt zum ersten Male in Hamburg läuft, ist vom Optischen her gesehen. Duvivier dreht mit den Augen - und darauf kommt es an.
Einer noch jugendlichen Frau (Marie Bell) fällt nach dem Tode ihres Mannes eine Ballkarte in die Hand. Die Karte ihres ersten Balles. Damals war sie 16. In der Erinnerung sieht sie sich als junges Ding.
Nach einem melancholischen Walzer schweben die Paare - traumhaft mit der Zeitlupe photographiert - durch einen feenhaften Phantasiesaal. Die flüchtig hingekritzelten Namen auf der Ballkarte werden wieder lebendig. Die Frau kommt auf den Einfall, die Spur der Männer zu suchen, die ihr einmal in jugendlichem Ueberschwang ewige Liebe geschworen haben.
Dieses Spiel der Vergangenheit und der Erinnerung wird bei Duvivier in einer Mischung vor derber Realistik, sehr gallischem Humor und schwermütiger Resignation ein hinreißender Film. Eine Erinnerungsgestalt nach der anderen präsentiert sich der Frau in ihrer meist enttäuschenden Wandlung.
Der erste ist gleich gestorben. Seine Mutter (Francoise Rosay) ist über seinen Tod wahnsinnig geworden. Den anderen hat die unglückliche Liebe zur Flucht ins Kloster getrieben. Der Dritte versackte als Rechtsanwalt und wurde Gangsterchef und Inhaber eines trüben Nachtlokals.
Der Vierte ist Bergführer geworden und kann sich nicht aus dieser Welt lösen. Der Fünfte hat seine Ministerträume vergessen und heiratet als braver Kleinstadtbürgermeister seine Haushälterin Der Sechste ist als Arzt in den Tropen heruntergekommen und erschießt die Freundin, mit der er sein elendes Laben teilt. Der Siebente ist Friseur und Familienvater geworden in der Stadt des ersten Balles.
Wie damals tanzen in dem Ballsaal die jungen Menschen und träumen von Glück und Erfolg. Für die Frau aber versinkt der Zauber der Erinnerung angesichts des ernüchternden Saals. Der Feensaal ihrer Träume ist ein Kleinstadt-Schwoof. Enttäuscht kehrt sie zurück.
Einer ist noch auf der Karte geblieben. Er ist tot. Den Sohn, der die Züge des Vaters trägt, nimmt sie zu sich. Ihr Leben hat ein Ziel bekommen.
Harry Baur, Pierre Blanchar, Fernandel, Raimu sind als die Menschen, denen die Frau wieder begegnet, erschütternd lebensecht. Am deutlichsten werden die künstlerischen Absichten der Regie Duviviers in der Arzt-Szene. Das schmierige Ordinationszimmer des Marseiller Hafenarztes wird als äußeres Sinnbild des moralischen Abgleitens schräg photographiert. Alle paar Augenblicke kreischt vor dem Fenster ein riesiger Kran vorbei als Nervensäge dieses verpfuschten Lebens.
Das Publikum merkt nicht gleich, worum es geht. Das macht die gute Erziehung zu filmischer Primitivität.
Eine Frau reist In die Vergangenheit: Marie Bell in "Carnet du Ball", mit P. R. Willm

DER SPIEGEL 17/1947
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