26.04.1947

Unmöglich, sagten die Fachleute

Die Kritik konstatiert einen Film, über den sich auch vom Stofflichen her ernsthaft reden läßt. Es gibt keine spitzfindigen oder womöglich abnormen psychologischen Konstruktionen. Die Wirklichkeit spielt die eigentliche Rolle. Es handelt sich um den Film "Das große Treiben", der im englischen Original "The Overlanders" heißt und jetzt in Berlin seine deutsche Erstaufführung hatte.
Der Film spielt in Australien. Zum erstenmal tritt der fünfte Kontinent in einem großen Spielfilm auf. Es ist das Jahr 1942. Die Invasion der Japaner in Nordaustralien scheint unmittelbar bevorzustehen. Nur eine Abwehr ist möglich: die Taktik des Ausweichens in die dürre Weite des Landes,
Dan McAlpine, Boß einer Viehtreiberkolonne, der soeben mit 1000 Rindern an der Nordwestküste eingetroffen ist, weigert sich, die Tiere zu erschießen, die sonst den Japanern in die Hände fallen könnten. Er will die Herde über Land treiben, bis in den Süden, über eine Strecke von mehr als 3000 Kilometern.
Die Fachleute, andere Viehtreiber, sind sofort mit ihrem "Unmöglich" bei der Hand. Eine Strecke von London bis Moskau durch einen der ödesten Landstriche der Welt, dazu braucht man drei Jahre, sagen sie. Man wird in der Wüste elend umkommen, zumal Dürre droht. Und was Fachleute so sagen.
McAlpine tut sich mit den Parsons zusammen, einem Ehepaar, das zwei Töchter hat. Frau Parsons hat etwas gegen Abenteuer des Herzens, soweit ihre Töchter in Frage kommen. Sie erklärt ihre Aelteste kurzerhand für verlobt, eine lügnerische Maßnahme, die geringen Erfolg hat.
Noch ein paar Leute werden für den Treck gewonnen: ein dicker Gelegenheitsarbeiter, der kein größeres Vergnügen kennt, als Biertrinken, ein Seemann, der, zweimal torpediert, die See verabscheut und es nun auf dem Lande probieren möchte. Dann beginnt das große Treiben.
Zuerst geht alles ganz gut. Dann kommen schwierige Flußübergänge mit Krokodilen, es gibt Futter- und Wassermangel, einen gefährlichen Paßübergang Dann fressen die Pferde Gift und müssen durch neu eingefangene Wildpferde ersetzt werden. Es gibt Streit, und schließlich droht die Gefahr, daß die durstige Herde sich blindlings in einen Sumpf stürzt, der sie verschlingen würde.
Nun, es wird endlich, nach Monaten, geschafft. Die kostbare Herde ist, mit ganz geringen Verlusten, in Sicherheit, und Mary Parsons und "Sindbad, der Seefahrer" sind ein Paar geworden. Mit Mut, Ausdauer, Geduld, Scharfsinn und Humor sind alle Gefahren glücklich bestanden.
Der Regisseur des Films ist Harry Watt, ein Mann von 40 Jahren, der schon einige nicht immer alltägliche Berufe hinter sich hatte, als er vor zwölf Jahren sein Herz und sein Talent für den Film entdeckte. Er wurde als Drehbuchautor und Regisseur von Dokumentarfilmen bekannt.
Auch das Drehbuch des "großen Treibens" schrieb Watt. Er stieß auf die Tatsachen, auf die der Film zurückgreift, im Laufe eines Gesprächs im australischen Ernährungsministerium. Den Darsteller des McAlpine fand er in Chips Rafferty, einem dreißigjährigen Schauspieler, der nicht von Anfang an Schauspieler gewesen war und nun seine erste ernste Rolle spielte, nachdem er sich seinen Ruf als Komiker erworben hatte.
Daphne Campbell, frisch, sportlich, blond, die Darstellerin der Mary, war Krankenschwester in einem Militärhospital, als man sie für das "große Treiben" entdeckte. Sie hat inzwischen einen Piloten geheiratet, den sie während der Aufnahmen kennenlernte, und will vorerst weniger filmen als ihr Pilotenexamen machen. Ihr Mann beabsichtigt, eine Luftlinie in Nordaustralien einzurichten, und sie will ihm dabei helfen.
Die Aufnahmen "im toten Herzen Australiens", wo noch nie eine Filmkamera aufgestellt worden war, 60 Meilen vom nächsten weißen Mann entfernt, gingen unter abenteuerlichen Umständen vor sich. Es gab phantastische Schwierigkeiten und Zwischenfälle zu überwinden. Aber die Riesenaufgabe wurde bewältigt. Mit hochgekrempelten Aermeln, sagt Harry Watt.
Weit und breit kein weißer Mann - in der Hauptrolle Australien und die Wirklichkeit
Chips Rafferty war nicht immer Schauspieler und fing als Komiker an

DER SPIEGEL 17/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Unmöglich, sagten die Fachleute