03.05.1947

Höhepunkt noch nicht erreicht

Das neugebildete "Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose in der britischen Zone" hat in Hamburg zum erstenmal getagt. Sein Präsident, Professor Dr. Rudolf Degkwitz, Leiter der Kinderstation des Universitäts-Krankenhauses Eppendorf und Tuberkulose-Spezialist, hatte den Vorsitz.
Ueber eines waren sich die versammelten Kapazitäten von vornherein einig: ein Allheilmittel gegen die Tuberkulose ist noch nicht gefunden.
Professor Degkwitz vertrat die Auffassung, daß die Unterernährung weiter Bevölkerungskreise einer umfangreichen Schutzimpfung mit dem in seiner Wirkung noch unbekannten Impfstoff*) Schwierigkeiten entgegenstelle. Wenn man schutzimpfen wolle, so nur Säuglinge und Kleinkinder, die noch die beste Körperverfassung hätten.
Seit 1936 forscht Rudolf Degkwitz nach einem wirksamen Mittel gegen Tbc. Er wird im Juni auf einem internationalen Aerztekongreß in New York ein Referat über die medikamentöse Behandlung der Tbc halten. Bei dieser Gelegenheit will er um Mittel für die Beschaffung von Heilstättenausrüstungen werben und alles Nötige gleich drüben einkaufen.
Neuerdings hat man auch die Atomenergie zur Bekämpfung der Tbc eingespannt. Dr. med. Paul Troch von der Tb-Klinik der Landesversicherungsanstalt Braunschweig in Bad Pyrmont hat ein Mittel gefunden, das den Bazillus im lebenden Körper abtöten soll. Sein Medikament "Peteosthor" wird in die Blutadern eingespritzt und tötet die Bazillen im Körper ab.
Der Leiter des britischen Gesundheitsamtes der Militär-Regierung gab bekannt, daß die Todesfälle durch Tuberkulose im Januar 1947 nicht höher gewesen seien als im Januar 1945. Demgegenüber weisen die deutschen Stellen auf die Zahl der Tbc-Erkrankungen hin, die sich seit einem Jahr vervierfacht hat. Jeder Flüchtlingstransport brachte etwa 8 bis 10 Tuberkulöse mit. Und bei Rußland-Heimkehrern
bewegte die Quote zwischen 10 und 22 Prozent. "Eine Viertelmillion Zonenbewohner sind sanatoriumsbedürftig", meinte Professor Degkwitz. Es fehlt aber an Gebäuden, Betten und allem anderen. Nur die Kranken sind da.
Im wesentlichen sind gutes Klima und gute Ernährung immer noch die Hauptwaffen gegen die Tbc. Die britische Militär-Regierung hat die Freigabe von ehemaligen Kasernen zur Umwandlung in Sanatorien in Aussicht gestellt, und das Land
Niedersachsen hat es durch ein Gesetz jedem Kreis zur Pflicht gemacht, ein Tuberkuloseheim einzurichten. Bisher konnten 18 solche Heime in Betrieb genommen werden.
Das Ministerium für Volksgesundheit und Wohlfahrt setzt sich für eine Erhöhung der Lebensmittelrationen für Lungenkranke zwar energisch, aber bisher erfolglos ein.
Ein Tbc-Kranker benötigt mindestens 2700 Kalorien täglich. Schon eine Verdoppelung der Fischzuteilung würde nach Ansicht der Fachärzte Wunder wirken, da der hohe Eiweiß-Gehalt der Fische den starken Eiweiß-Zerfall bei Tbc-Erkrankung ausgleicht.
Auch die amerikanische Zone hat dasselbe Leiden. Die Militär-Regierung hat gefordert, die 118 000 Tuberkulösen in Sanatorien unterzubringen. Sie begründet diese Forderung mit der Ansteckungsgefahr für US-Soldaten.
Die russische Zone ist auch auf diesem Gebiet allen anderen voran. Vier Prozent aller Sterbefälle sind auf Tbc zurückzuführen, und die Sterblichkeitsziffer hat die des "Rekord"-Jahres 1917/18 überschritten.
Der mit Entdeckung des Tuberkelbazillus durch Robert Koch (1882) einsetzende Kampf gegen die "weiße Pest" halte schon zweimal zu beachtlichen Erfolgen geführt. 1914 und 1938 lag der Anteil der Tuberkulose bei sieben bzw. sechs Fällen auf 10 000 Einwohner. 1918 waren es 32 auf 10 000 und heute sind es schon wieder 25.
"Der Höhepunkt ist noch nicht erreicht" meinte Prof. Degkwitz und wies auf die Tatsache hin, daß rund 12 000 ansteckend Erkrankte in der britischen Zone mit anderen Menschen in einem Zimmer wohnen müssen.
*) Von dem Bakteriologen Albert Leon Calmette (1863-1933) entwickelt.
Trübe Aussicht
Tbc-Professor Rudolf Degkwitz

DER SPIEGEL 18/1947
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