10.05.1947

Dr. Mackenzies Geheimnis

Dr. Morell Mackenzie hat sein Geheimnis gut bewahrt. Nur einem zuverlässigen Freund vertraute er sich an. Der hat es jetzt Mackenzies Biographen, R. Scott Stevenson, weitergesagt: Friedrich III., der deutsche Hundert-Tage-Kaiser, war ein Paralytiker.
Mackenzie, englischer Kehlkopfspezialist, war nach Berlin gerufen worden, als der damalige Kronprinz Friedrich, Sohn Wilhelms I. und Schwiegersohn der Königin Viktoria von England, im März 1887 plötzlich schwer erkrankte. Er hat den nachmaligen Kaiser bis zu dessen Tode am 15. Juni 1888 behandelt.
Damals und später sind dem englischen Arzt schwere Vorwürfe gemacht worden, den königlichen Patienten nicht rechtzeitig operiert zu haben. Stevenson glaubt jetzt den Grund für das Zögern Mackenzies angeben zu können. Der Arzt habe gewußt, daß Kehlkopfkrebs nur der eine Teil der Krankheit war. Der Fall wurde erschwert durch die Syphilis, mit der sich der Kronprinz von einer schönen Spanierin bei der Eröffnung des Suezkanals 1869 angesteckt hatte. Aber aus "Loyalität" gegenüber der Queen und ihrer Tochter, der nachmaligen Kaiserin Friedrich, verschwieg Mackenzie sein Wissen.
Als nach dem ersten Weltkrieg Wilhelm II., der Sohn Friedrichs III., nach Holland geflohen war, tauchte in politischen Schriften wiederholt die Behauptung auf, der ehemalige deutsche Kaiser sei ein Paralytiker. In internen Hofkreisen sei diese Tatsache seit Jahren bekannt gewesen.
Wladimir Iljitsch Uljanow, unter seinem Decknamen Lenin als Führer der bolschewistischen Oktoberrevolution in die Weltgeschichte eingegangen, starb am 21. Januar 1924.
Wenige Monate nach seinem Tode gefielen sich antisowjetische Schriften in Enthüllungen, wonach Lenin infolge einer in der Jugend zugezogenen Syphilis an progressiver Paralyse gelitten habe.
Mit dem "Marsch auf Rom" im Oktober 1922 eroberte Benito Mussolini die Macht in Italien. Als die ersten zehn Jahre seiner Diktatur verstrichen waren und sein Regime mehr und mehr in Mißkredit geriet, war in antifaschistischen Schriften immer häufiger zu lesen, Mussolini sei ein unheilbarer Paralytiker
Zur moralischen Vorbereitung seines Krieges bediente sich das "Dritte Reich" einer umfangreichen Propaganda gegen den "Schandvertrag von Versailles". Zu den beliebtesten Ausstattungsstücken dieser Propaganda gehörte die Behauptung, daß der damalige USA-Präsident Woodrow Wilson nicht mehr Kraft genug gehabt habe, um seine berühmten "vierzehn Punkte" durchzusetzen. Er sei nämlich inzwischen an Paralyse erkrankt.
Und nun berichtet der finnische Arzt Dr. Felix Kersten, der seit 1938 Himmlers medizinischer Berater gewesen sein will, im "Sunday Expreß", er habe eines Tages auf Befehl die Krankheitsgeschichte Hitlers lesen müssen. Daraus sei hervorgegangen, daß Hitler als Soldat im ersten Weltkrieg eine Syphilis gehabt habe, von der er nur scheinbar geheilt worden sei.
Nach Kerstens Bericht traten 1937 zum erstenmal wieder Symptome dieser Krankheit auf, und 1942 lautete die Diagnose auf progressive Paralyse. Auf diese Krankheit deuteten nach Ansicht des finnischen Arztes Hitlers Wutanfälle. Weiter seine Gewohnheit, Reden an die Möbel in seinem Zimmer zu halten.

DER SPIEGEL 19/1947
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