24.05.1947

Dieses dumme Luder

Fast 45 Minuten lang zog sich der Strafsenat des Kammergerichts Berlin zur Beratung zurück. Dann verkündete Senatspräsident Dr. Wiechmann die Aufhebung des Schwurgerichtsurteils gegen Helene Schwärzel. Es soll noch einmal gegen sie verhandelt werden.
Am 14. November 1946 wurde Helene Schwärzel zu 15 Jahren Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 10 Jahre verurteilt. Der Staatsanwalt hatte sogar lebenslänglich Zuchthaus beantragt. Die unscheinbare Frau hatte den Leipziger Oberbürgermeister Dr. Karl Gördeler auf seiner Flucht nach dem 20. Juli erkannt, ihre Beobachtung gemeldet und so den ersten Anlaß für die Hinrichtung Gördelers gegeben.
Die Schwärzel ist heute 45 Jahre alt. Als Tochter eines Eisenbahnbeamten in Königsberg geboren, lernte sie nach Besuch der Volksschule schneidern und nähen, war dann Dienstmädchen und schließlich Fahrkartenverkäuferin in Rauschen. Dort sah sie oftmals Gördeler, den stellvertretenden Oberbürgermeister von Königsberg, der mit seiner Familie in Rauschen wohnte. In der NSDAP war sie nicht.
Nach Kriegsausbruch meldete sie sich freiwillig als Luftwaffenhelferin und brachte es 1941 zur Lohnbuchhalterin. Drei Jahre später war sie in Konradswalde bei Elbing. Am 1. August 1944 stand der Steckbrief gegen Gördeler in den Zeitungen. Die Schwärzel behauptete, sie werde ihn auch nach 20 Jahren sofort wiedererkennen. Das glaubte man ihr auf der Dienststelle nicht und sie wurde "ihres guten Gedächtnisses wegen" gehänselt.
Dann kam der verhängnisvolle Tag, an dem sie in dem Mann, der auf einem Sofa der kleinen Gastwirtschaft saß und frühstückte, Karl Gördeler erkannte. Durch einen Zettel teilte sie ihre Beobachtung den Zahlmeistern Hellbusch und Schadwinkel mit, die ihr zuerst keinen Glauben schenken wollten.
Gördeler aber wurde das Getuschel in der Wirtsstube unheimlich. Er nahm Hut und Mantel, sagte "Heil Hitler" und ging aus der Tür. Kurze Zeit später holten ihn die beiden Zahlmeister auf Fahrrädern ein und überantworteten ihn seinem Schicksal. Die Schwärzel sollte die Polizei benachrichtigen, weigerte sich aber.
Die Revisionsverhandlung stand im Zeichen der glänzenden Argumentation des Rechtsanwalts Dr. Paul Ronge. Ein alter Freund Dr. Gördelers, setzte er sich mit Ueberzeugungskraft und allem Nachdruck für seine Mandantin ein. Der gedrungene Mann mit dem etwas gebeugten Rücken zeigte mit einer rhetorischen Prachtleistung die Fehler des Schwurgerichtsurteils auf. Er forderte Abgrenzung zwischen "Denunziant" und "Schwätzer" und bezeichnete die Schwärzel als eine wichtigtuerische Schwätzerin, die sich nicht darüber klar wurde, was ihre Meldung für Folgen zeitigen würde.
Er halte es immer mit Shakespeare, sagte Dr. Ronge, und darum frage er: "Ist Jago der Mörder der Desdemona?" Zwischen dem Tun der Schwärzel und dem Urteil gegen Gördeler bestehe kein Kausalzusammenhang. Zwischen ihr und dem Todesurteil seien viele fremde Willen in der Schicksalskette. Ihre Tat sei eine Folge mangelnder Selbstbeherrschung und mangelnder Intelligenz. So mußte der alte Bösewicht Jago herhalten, um die Unschuld der Schwärzel zu beweisen.
Ronges Widerpart, Oberstaatsanwalt Dr. Rombrecht, war dem Rededuell nicht gewachsen. Der ältere Herr mit einem randlosen Zwicker auf der fleischigen Nase sprach nur stockend und in trockener Formulierung. Die Angeklagte habe bewußt als Täterin mitgewirkt, darum bestehe das Urteil zu Recht.
Dann wieder Ronge: er vermisse im Urteil, aus welchen Gründen die Schwärzel ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben solle. Es müsse doch geklärt werden, ob sie dumm oder böswillig gehandelt habe. Ronge zitierte die "Süddeutsche Juristenzeitung", die "Nordwestdeutschen Hefte" und das Tillessen-Urteil. Aber jedesmal sagte ihm der Staatsanwalt, daß er die betreffenden Artikel nicht kenne.
Während der Senat beriet, hielt Dr. Ronge, der als Offizialverteidiger für alle Bemühungen 80.25 Mark erhält, im Flur Cercle ab: "Man kann dieses dumme Luder doch nicht bestrafen, weil Gördeler zum Tode verurteilt wurde."
Plädoyer auf Dummheit - Gördelers Freund Dr. Ronge verteidigt die Schwärzel

DER SPIEGEL 21/1947
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