24.05.1947

Ritterlichkeit wäre Schwäche

Mit einem Brief von zehntausend Wörtern legte Rechtsanwalt Dr. Hans Laternser bei dem Kommandierenden General der Britischen Mittelmeerstreitkräfte, Generalleutnant Sir John Harding, Berufung ein gegen die Verurteilung des ehemaligen Generalfeldmarschalls Albert Kesselring zum Tode durch Erschießen.
Ein britischer Militärgerichtshof in Venedig hatte auf diese Strafe erkannt. Kesselring, der seinem Verteidiger verboten hatte, um ein mildes Urteil zu bitten, wurde für Vergeltungsmaßnahmen an italienischen Geiseln und Partisanen verantwortlich gemacht.
Das Urteil rief heftige Proteste hervor. Nicht im Heimatland des Verurteilten, aber im Land der Gerichtsherren: in Großbritannien. In die Redaktionen der großen Tageszeitungen flatterten erregte Leserbriefe, die nicht selten mit einem prominenten Namenszug gezeichnet waren.
So fühlte sich Randolph S. Churchill, der Sohn des Kriegshelden Winston, beschämt, "daß wir noch zwei Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands unseren geschlagenen waffenlosen Gegner zu Tode hetzen". Allein schon durch die Uebergabe seiner Millionenarmee an Feldmarschall Alexander, den Befehlshaber der Nahostarmee, schreibt Churchill jun., habe sich Kesselring ein besonderes Anrecht auf Ritterlichkeit erworben.
Ihm antwortete ein anderer Leser, der
versicherte, er besitze einige Kenntnis von deutscher Art: "Was wir Ritterlichkeit nennen, ist für die Deutschen Schwäche." Eine Herabsetzung des Urteils bedeute den ersten Schritt zum nächsten Krieg.
Die Kirche hob den Fall Kesselring in die Region der Ethik. Bischof Golding-Bird wollte die Todesstrafe für Kriegsverbrecher überhaupt abgeschafft wissen. "Haben wir nicht genug Blut vergossen?"
Der militärische Mitarbeiter des "News Chronicle" zeigte sich besorgt, daß man dem Urteilsspruch Rachemotive unterstellen könnte. Er sprach die Erwartung aus, "daß einem anständigen Gegner Strafaufschub gewährt werde". Uebereinstimmend hatten Feldmarschall Alexander und der Kommandierende General der 8. Armee, Sir Oliver Leese, bekundet, daß Kesselring anständig gekämpft habe.
Lord De L'Isle and Dudley verlangte im Oberhaus Aufschub der Hinrichtung. Das Parlament solle sich mit dem Todesurteil befassen. Die Frage der Hinrichtung eines geschlagenen Generals, sagte er, sei keine Rechtsangelegenheit, sondern Sache der Politik.
Allerdings räumt der 38jährige Lord ein, sein militärischer Rang sei nicht hoch genug, um ihn ein Urteil über Kesselrings Kriegführung abgeben zu lassen. Er hat als Major Philipp Sidney am Anzio-Brückenkopf gekämpft und die höchste englische Militärauszeichnung errungen, das Viktoria-Kreuz.
"Ein anständiger Gegner" Albert Kesselring

DER SPIEGEL 21/1947
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