24.05.1947

Raketen an Siams Himmel

Frösche knallten um die hellhörigen Ohren Mr. Lis. Raketen stiegen zischend zum Himmel. Tausende säumten die Straßen, schrien und schwenkten Fahnen. Bangkok empfing den ersten Botschafter Chinas, Mr. Li Te Tseng.
Bisher hatte es noch keinen diplomatischen Vertreter Chinas in Siam gegeben. Die Regierung in Bangkok hatte es stets abgelehnt, einen offiziellen Abgesandten aus dem Reich der Mitte zu empfangen. Die starke chinesische Minderheit *) im Lande bereitete ohnehin schon Sorgen genug. Ihr noch weiter durch eine diplomatische Vertretung Chinas den Rücken zu stärken, spürte man keine Neigung.
Nun schickte Tschiangkaischek sogar gleich einen Botschafter. Die Chinesen im Lande jubelten. Die diplomatischen Vertreter der anderen Mächte, vor allem Englands und der USA, blickten sauer. Sie waren nur Gesandte und mußten die Vorrangstellung dem ersten und einzigen Botschafter in Bangkok überlassen Die Regierungen in London und Washington hatten ein Einsehen. Aus dem britischen Gesandten Mr. Harrington Thomson wurde Seiner Majestät Botschafter. Seinem amerikanischen Kollegen wurde die gleiche Rangerhöhung zuteil.
Am Isthmus von Kra, an der schmalsten Stelle der malaischen Halbinsel, kriechen und verschlingen sich die Lianen ungehindert über der kurzen Querbahn. Während des Krieges schlugen Kriegsgefangene den Pfad durch den fieberglühenden Dschungel und legten Schwellen und Schienen. Auf Befehl der Japaner. Aber nur wenige Züge pendelten zwischen dem Siam-Golf und dem Golf von Bengalen. Und jetzt ist die Strecke wieder dem Dschungel verfallen. Die Engländer haben es so gewollt. Sie haben die siamesische Regierung auch verpflichtet, einstweilen auf alle Kanalbaupläne am Isthmus zu verzichten. Um 1300 Kilometer würde dieser Kanal, nach Ansicht der Ingenieure leichter und billiger als der von Suez zu erbauen, den Seeweg von Europa nach dem Fernen Osten verkürzen. Aber die Malakka-Straße würde veröden und der Umschlag im Hafen von Singapur auf einen Bruchteil zurückgehen.
Die Engländer waren die ersten, die nach 1945 wieder mit Siam anknüpften. Sie schlossen auch, am 1. Januar 1946 in Singapur, den ersten Friedensvertrag nach dem zweiten Weltkrieg mit dem Land des weißen Elefanten. Die Amerikaner ersparten sich sogar eine solche Formalität. Der Kongreß habe 1942 Siams Kriegserklärung ignoriert. Also brauchte man auch keinen Frieden zu schließen.
Die Nationalversammlung in Bangkok ihrerseits erklärte feierlich die Kriegserklärungen des Jahres 1942 an die angelsächsischen Mächte für ungültig. Damals war Siam - Thailand, Land der Freien nannte es sich in jenen Jahren - noch durch den Freundschaftsvertrag von 1940 an Japan gebunden.
Größere Kriegstaten blieben dem Lande trotzdem erspart. Dafür war die siamesische Wehrmacht schon Ende 1940 ins Feld gezogen. Nach dem Zusammenbruch Frankreichs in Europa wollte man sich jene Gebiete am Mekong und in Westkambodscha zurückholen, die Bangkok 1907 zugunsten der französischen Kolonie Indochina hatte abtreten müssen.
Die Siamesen fochten nicht sehr glücklich. Ihre kleine Flotte sank unter dem Angriff geringer Vichy - Seestreitkräfte.
Am 17. November 1946 gab Bangkok die umstrittene Rückerwerbung abermals an Indochina zurück. Durch einen Vertrag, der mit französischen Unterhändlern in Washington unterzeichnet wurde.
Dort trat jetzt auch die Kommission zusammen, die mit amerikanischer, englischer und peruanischer Hilfe die endgültige Grenzziehung vornehmen soll. Französische Unterhändler saßen mit am Tisch. Beide voll "guter Gesinnung", wie ihnen der amerikanische Vermittler, Ex-Botschafter William Philipps, bestätigte.
*) Im siamesischen Innenministerium spricht man von 500 000, in Nanking von 2,5 Millionen Chinesen unter den 15 Millionen Einwohnern Siams.

DER SPIEGEL 21/1947
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