24.05.1947

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Wir sprechen nicht von einem eisernen Vorhang", sagte kürzlich ein Litauer "Der Ausdruck ist nicht scharf genug. Unser Land liegt hinter einem stählernen Vorhang." Wenige wissen, was dahinter gespielt wird. Nur selten dringen Berichte durch. Manchmal werden offizielle Verordnungen der Sowjets bekannt. Aber das meiste fußt auf Gerüchten.
26 000 baltische Flüchtlinge haben in Schweden eine vorläufige Zuflucht gefunden. Aber ihre Anwesenheit dort hat schon zu Schwierigkeiten zwischen Stockholm und Moskau geführt.
Die Balten, die sich 1944 vor der vordringenden Roten Armee nach Schweden
zurückzogen, werden von der schwedischen Regierung als Sowjetbürger betrachtet. Nach den neuen Bestimmungen der russischen Regierung ist es den Staatsbürgern der Sowjetunion verboten, sich mit Ausländern zu verheiraten. Die schwedischen Standesämter verweigern seitdem die Eheschließung baltischer Flüchtlinge mit schwedischen Staatsbürgern.
Die Flüchtlinge sind beunruhigt. Sie fürchten, die Regierung von Stockholm könne dem Druck der Sowjets nachgeben und sie zwangsweise an das andere Ufer der Ostsee zurückbefördern.
Offiziell hört man nur Gutes von dem Land hinter dem stählernen Vorhang. Von Tallinn und Riga aus sendet der Sowjetfunk täglich seine Aufrufe an die Flüchtlinge. Sie sollten zurückkommen. Die Heimat warte auf sie. Viel Arbeit sei noch zu leisten bei der Durchführung des Fünfjahresplanes. Auch heimgekehrte Esten und Litauer sprechen im Rundfunk zu ihren zurückgebliebenen Landsleuten. Sie schildern das Leben in der Heimat in den rosigsten Farben. Manche beklagen sich bitter über die schlechte Behandlung, die ihnen in Schweden zuteil geworden sei.
Ein Lette, der in die Heimat zurückgekehrt war, berichtete über seinen Aufenthalt in Schweden. Er sprach von böswilliger Propaganda gegen Sowjetrußland, der sich die schwedische Verwaltung keineswegs widersetzt habe. Im Gegenteil, sie habe diese Art der Propaganda über Sowjetrußland gefördert. Zeitungen in schwedischer und lettischer Sprache seien den Flüchtlingen zugegangen. Die Zustände in der Heimat seien darin in den schlimmsten Farben geschildert worden. "Die schwedische Verwaltung ließ uns in einer Atmosphäre des Schreckens und des Grauens leben. Man sagte uns, wir würden entweder zur Zwangsarbeit verschickt oder erschossen, falls wir heimkehren würden", berichtet er weiter.
Der schwedischen Regierung sind solche Erklärungen, die mit viel Aufwand über Presse und Rundfunk verbreitet werden, keineswegs behaglich. In offiziellen Kreisen wird erklärt, die Flüchtlinge sollten nicht gezwungen werden, gegen ihren Willen in ihr Land zurückzukehren. Andererseits betont man auch, daß man niemals den Flüchtlingen Schwierigkeiten gemacht habe, die dem Appell der Sowjets Folge leisten wollten. "Morgentidningen", die sozialdemokratische Regierungszeitung, schrieb vor kurzem: "Es steht den Balten jederzeit frei wegzugehen. Der schwedische Standpunkt ist und bleibt, daß wir keinerlei Druck auf sie ausüben wollen, heimzukehren, wenn sie selbst nichts davon wissen wollen."
Trotz der guten Berichte aus der Heimat ist bis jetzt noch nicht ein Prozent der Flüchtlinge bereit, in die Heimat zurückzukehren.

DER SPIEGEL 21/1947
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