24.05.1947

Indianer spielen Verstecken

Er habe eine Niete gezogen, erklärte Preston Holder, als er von einer Urwaldfahrt nach New York zurückkehrte. Mr. Holder war, zusammen mit seiner jungen Frau und Mitarbeiterin Joyce Wike, ausgezogen, um nach den Motilon-Indianern zu suchen.
Die Motilon-Indianer sind ein Stamm, der in Venezuela, südwestlich der Bucht von Maracaibo lebt. Er hat es bisher verstanden, sich gegen die Zudringlichkeit der Zivilisation erfolgreich zu wehren. Dabei fliegen seit Jahren über den Motilon-Gebieten die Flugzeuge einer modernen Welt, und hart am Rande ihrer Bereiche lärmen die Maschinen amerikanischer und britischer Oelgesellschaften.
Unbekümmert um die Nähe der Zivilisation gleiten die Motilon-Indianer durch den Urwald, unsichtbar wie der Wind, lautlos wie die Pfeile, mit denen sie die weißen Eindringlinge durchbohren.
Es ist verständlich, daß der Antropologe Preston Holder das Angebot des amerikanischen naturgeschichtlichen Instituts, nach Ursprung, Sprache und Bräuchen dieses unbekannten Indianerstammes zu forschen, erfreut annahm. Die amerikanische Zeitschrift "Time" berichtet, welche Mühe er und seine Frau sich gaben, um den Motilon-Indianern auf die Spur zu gehen.
Sie durchstreiften das Motilon-Gebiet, sie hörten genug indianische Geschichten, um Dutzende von Zeitschriften zu füllen aber sie fanden keinen Mittelsmann, der sie zu den Motilons gebracht hätte. Die spanischsprechenden Grenzer sind zwar rauhe Leute, aber niemand war rauh genug, unter den Indianern zu leben. Und Deserteure des Motilonstammes fanden sich nicht.
Schließlich stattete Holder ein Motorboot mit Metallplatten zum Schutz gegen die aus Palmholz geschnitzten, nahezu stahlharten Pfeile der Motilon-Indianer aus und fuhr mitten in das Motilongebiet. Indianische Siedlungen waren leicht zu finden. Meist lagen sie etwa 2 km vom Fluß entfernt, von Bananenbäumen und Gärten umgeben. Niemand zeigte sich.
In einem dieser Gärten ließen die Holders Geschenke zurück, darunter Messer, Tabak und rotes Kaliko. Nach einigen Tagen stob ein Hagel von Pfeilen aus dem Urwald. An einem der Pfeile klebten rote Fäden des Kalikos.
Die Indianer hatten also die Geschenke angenommen. Offenbar dachten sie nicht daran, sich erkenntlich zu zeigen. Viele Pfeilangriffe folgten. Jedesmal rief Holder in verschiedenen indianischen Sprachen in den Urwald, aber keine Antwort kam. Oft roch er den Rauch der Herdfeuer, aber einen Motilon sah er nie.
Immerhin erfuhr er allerlei über sie. Nach ihren Fußspuren zu urteilen, sind sie durchschnittlich etwa 1,70 m groß. Sie sind wahrscheinlich die einzigen Menschen auf der Welt, die keine Hunde haben.
Ihre Häuser liegen etwa 24 km auseinander. Die Bewohner eines jeden leben für sich, und zwischen ihnen und ihren Stammesgenossen besteht ebenso Feindschaft wie zwischen ihnen allen und den Weißen. Schätzungsweise gibt es 1500 Motilons. Außer den Eingeborenen im tiefen Innern von Neu-Guinea sind sie die "unverdorbensten" Wilden, die die Zivilisation der Welt überließ.
So bald wie möglich will Mr. Holder noch einmal mit seiner Frau ausziehen. Sie wollen sich im Motilongebiet niederlassen, geduldig Geschenke aussetzen, und in 2 bis 3 Jahren, so hoffen sie, werden die Indianer es aufgeben, ihnen Pfeile nachzuschießen. Vielleicht werden sie sie dann sogar als Freunde betrachten. Holder will von ihnen selbst ihre Geschichte und ihre Geheimnisse hören.
Indianerpfeile flogen als spitze Gruße für Mr. und Mrs. Holder aus dem Urwald

DER SPIEGEL 21/1947
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