24.05.1947

Geburtstag auf Hof Gagert

Zuerst war die Presse da, um den Geburtstagsartikel vorzubereiten. Schon vor dem 18. Mai, dem 60. Geburtstag Ernst Wiecherts, fuhr der dpd-Korrespondent nach Hof Gagert über Wolfratshausen, nicht weit vom Starnberger See. Er hat seinen Besuch bei dem Dichter bei aller sachlichen Genauigkeit nicht ohne Neigung zum Poetischen beschrieben:
"Ueber eine bunte weiche Dichterwiese steigt man allmählich bergan, bis dahin, wo die Welt aufhört und die Hecke um das Dichterhaus beginnt. Flieder, Ginster und Apfelblüten umwölken das Dach."
Aus dem Garten trat, in hellen Breeches und einem saloppen braunen Sakko, der Dichter, "der 20 Minuten bewilligt hat und bei vollendeter Höflichkeit doch merken läßt, daß er einer leidigen Pflicht gegen die Oeffentlichkeit genügt."
Wiechert sprach, von seinem Gast auf dieses Thema gebracht, von seinem Schaffen. Er hält seine ersten Bücher für schlecht, als sein bestes betrachtet er "Die Magd des Jürgen Doskocil". Er sagte das eine sachlich und das andere zurückhaltend, von "stellenweise gelungen" sprechend.
Ueber das Thema "junge Dichtung" äußerte er sich mit skeptischer Zurückhaltung, der Lyrik gab er gute Aussichten. Starke Skepsis zeigte er für die "zeitnahe" Dichtung, "die ja doch meist Reportage, wenn nicht gar Kolportage bleibe".
Auch davon war unter anderem noch die Rede, daß Wiechert im Juni an der PEN-Klub-Tagung in Zürich teilnehmen und auch einer Einladung des Londoner PEN-Klubs folgen wird. Ueber das neue Buch, an dem er arbeitet, wollte er sich nicht äußern.
Aber der Reporter sah auf dem Tisch zwei beschriebene Blätter liegen, "im halben DIN-Format": "das Ergebnis der heutigen Arbeit, die Wiechert regelmäßig um 5 Uhr in der Frühe beginnt".
Wiechert benützt keine Schreibmaschine, auch keinen Füllhalter. Die Blätter waren sorgfältig in einer haardünnen, klaren Schrift beschrieben, als wären sie kein Entwurf, sondern Reinschrift.
Zum 18. brachte die Presse dann den literarisch-feuilletonistischen Strauß ihrer Geburtstagsartikel dar. Schätzungsweise waren es nicht so viele, wie mancher erwartete.
Man feierte den Dichter, dessen Weg in dem masurischen Forsthaus Kleinort, in der Einsamkeit ostpreußischer Wälder begann, als einen der "wesentlichsten Rufer gegen die drohende Entseelung des Menschengeschlechts." Man feierte ihn als "stärken und tiefen dichterischen Geist", einen "Epiker von eminentem Naturgefühl" und "erlebnishafter dichterischer Darstellung", als einen "Gottsucher von Ernst und Leidenschaft".
Man ging auf das Werk Wiecherts ein, der nach seinen Königsberger Schul- und Universitätsjahren zuerst im höheren Schuldienst, 1914-18 im Krieg und bis 33 wieder im Schulamt war. Man rühmte den Glanz und die Schönheit der Sprache, die "Magie des dichterischen Wortes" in Romanen und Novellen wie "Die Magd des Jürgen Doskocil", "Die Majorin", "Die kleine Passion", "Die Flöte des Pan", die "Hirtennovelle" und letzthin "Die Jeromin -Kinder".
Man erinnerte an den "unbeugsamen Streiter für die Humanitätsidee", dem die Tausendjährigen nach seinen Münchner Reden an die Jugend, nach seinen Vorlesungen über das Thema "Recht und Gewalt", nach seinem Protest gegen die Behandlung Pastor Niemöllers Rede und Reise verboten und den sie ins Lager Buchenwald brachten.
Und erinnerte daran, ein wie großer Trost für viele der Dichter war, der, unter Gestapobewachung stehend, seine Manuskripte im Garten vergraben mußte. Und der 1945 in seiner dritten Rede an die deutsche Jugend sagte:
"Ich weiß, was ich für viele Menschen in diesen bitteren Jahren gewesen bin. Ein Licht, eine Hoffnung und vielleicht so etwas wie das Gewissen eines verstörten Volkes."
Man erwähnte wohl auch Wiecherts Aufsatz "Abschied von der Zeit". 1946 sprach er darin von der "Münze des Tages", in der "wir unser Pfund nicht zu vertun hätten", und von einem dem "Abglanz der Ewigkeit" zugewandten Schaffen. Auch jenes Interview wurde erwähnt,
in dem er 1947 schwedischen Journalisten gesagt hatte, er habe den Glauben an die Zukunft des deutschen Volkes verloren.
Und es war die Rede auch davon, daß dann sein Roman von den Jeromin-Kindern trotz der "Klarheit der Sprache, dem Glanz der Worte, dem Ernst gegenüber allen Problemen und der reinen Tiefe edler Gedanken" eine Enttäuschung für viele gewesen sei. Sie hätten nur wenige gültige Antworten auf drängende Fragen gefunden in der Bitterkeit und Resignation dieses Romans, in dem zu wenig Hoffnung sei, aber viel Elend und Not.
Und die Deutschen bedürften doch seines Wortes, sie warteten auf ein Wort des Trostes und der Hoffnung und auf den Seher, der den Weg weise. Und es wäre doch unter den vielen, die heute schreiben, keiner berufener als Wiechert. Man sprach die Hoffnung aus, die Verehrung, die dem 60jährigen zuteil werde, möge den "Bann einer müden Resignation" bei ihm lösen. In der Tat, Ernst Wiechert empfing zum 18. Mai Verehrung und Huldigung in hohem Maße. Die Stimmen, die von überall her, aus den Ländern Europas und Amerikas, gekommen sind, hat der Verlag Kurt
Desch zu einem Gedenkbuch*) vereinigt.
In Erinnerungen und Würdigungen, Gedichten und Grüßen bekennen sich hier Dichter und Gelehrte, bekannte und unbekannte Menschen, Jugend und Alter zu Ernst Wiechert. Ricarda Huch, Johannes R. Becher, Hermann Hesse, Otto Flake, Max Picard, Werner Bergengruen, Eduard Spranger, Reinhold Schneider, Hans Carossa und Kasimir Edschmid sind unter ihnen.
Mehr als 30 Menschen aus aller Welt sprechen von dem Leben, dem Werk und der Wirkung Ernst Wiecherts. Sie grüßen in ihm den Menschen und Dichter, sie sind ihm dankbar für das, was sie von ihm empfingen und empfangen.
*) "Bekenntnis zu Ernst Wiechert. Ein Gedenkbuch zum 60. Geburtstag des Dichters" 208 S., Verlag Kurt Desch, München. - Der Kurt-Desch-Verlag, der das Werk Ernst Wiecherts in guter Pflege und Obhut hat, gab zu Wiecherts Geburtstag auch den 2. Band der "Jeromin-Kinder" und eine Sammlung von Märchen für "Kinder von 8 bis 80 Jahren heraus.
Zum 18. Mai erreichten Ernst Wiechert
Wünsche aus aller Welt
Gruß und Wunsch, gezeichnet von Hans Meid (Aus "Bekenntnis zu Ernst Wiechert")

DER SPIEGEL 21/1947
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