24.05.1947

Nach einem alten Buch

Es war ein Zufall, daß Werner Egk, der Komponist von "Joan von Zarissa" und "Columbus" sich vor Jahr und Tag bei einem Antiquitätenhändler ein unterhaltsames Büchlein kaufte, das auch Noten enthielt. Als er einmal in dem neuen Besitz blätterte, entdeckte Egk einen netten Scherz, den sich Michael Jean Sedaine, der Librettist der ersten komischen Opern im 18. Jahrhundert, geleistet hatte.
Sedaine hatte die Idee gehabt, 13 beliebte Melodien seiner Zeit zusammenzustellen und die ursprünglichen Texte durch eigene Verse zu ersetzen. Was er der Musik neu unterlegte, war die Geschichte von der Versuchung des heiligen Antonius.
Allerdings: er betrachtete die Geschichte vom Standpunkt des Jahrhunderts der Aufklärung aus. Er gab ihr eine antiklerikale Tendenz und ließ seinen Witz und seine satirische Neigung daran aus.
Egk hatte das Gefühl, daß die Eigenheiten des neuen Textes durch die ursprüngliche Musik nicht zur Geltung kämen. Es reizte ihn, und er machte sich daran, eine Musik zu schreiben, die zwischen den alten Melodien und den Sedaineschen Versen vermittelt und dem Inhalt der einzelnen Nummern entspricht.
Es entstand, 1945, "Die Versuchung des heiligen Antonius. Nach Melodien und Versen des 18. Jahrhunderts für Altstimme und Streichquartett" In Baden-Baden brachte jetzt das große Orchester des Südwestfunks die Uraufführung dieser Art Kantate.
Der Text wird nicht tonmalerisch behandelt, aber in ihrer Klangsymbolik ist die Musik in gewisser Hinsicht illustrativ. Leute, die sich sehr genau darauf verstehen, meinen, sich nicht erinnern zu können, daß zwei Geigen je so gleitend, geradezu sirenenhaft gespielt hätten wie beim Auftritt der verführerischen Teufelin.
Werner Egk dirigierte selbst das kleine Streichquartett, zu dem bei der Uraufführung das vorgeschriebene Orchester erweitert war. Eliette Tenneberg, die Altistin der Pariser Oper, sang.
Das Publikum war begeistert. Es fand Egks Musik apart, scharmant und geistreich. Es fühlte sich gut unterhalten, ohne zur Bewunderung hingerissen zu werden.

DER SPIEGEL 21/1947
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