24.05.1947

Auch Mannequins sind knapp

Die Mode und ihre Leute haben es auch nicht leicht. Die Kollektionen, welche die Berliner Modenhäuser auf den Frühjahrsmodeschauen zeigten, ließen mit Stoffen, Farben und Ideen die Augen übergehen, und mit den Farben und Ideen mag es noch hingehen. Aber bei den Stoffen fängt die Schwierigkeit an.
Bezugscheinware und Lumpentauschgeschäft sind nur Tröpfchen auf den heißen Stein. Die Modefirmen schicken mit nicht zu unterschätzendem Risiko eigene Wagen in die östlichen Industriegebiete und versuchen, dort an Stoffen zu erwerben, was sich erwerben läßt. Auch Nähgarn und Knöpfe müssen so beschafft werden.
Trotzdem, die großen Berliner Modehäuser sind wieder eifrig bei der Arbeit. Daneben haben sich fast an jeder Straßenecke kleine, zum Teil sehr schicke Läden aufgetan, die gegen Stoffabgabe und einen Durchschnittspreis von 150 Mark ein Kleid nähen. Am Kurfürstendamm wimmelt es nur so von ihnen, von Halensee bis zur Joachimsthaler Straße.
Bei den Modeschauen brachten es manche Firmen auf 200 bis 300 Kleider. Silbergraue Keilabsatzschuhe paßten zu weitrandigen Hüten, schlanke Stockschirme zu bezaubernden Ledertaschen, Pelzcapes zu tiefdekolletierten Abendkleidern.
Die Mannequins trugen hochgekämmte Haare oder Lockentuffs schräg im Nacken und sahen überhaupt entzückend aus. Allerdings: die Mannequins sind auch - sozusagen: Gegenstände der Sorge. Weil sie so knapp sind.
Auf die Anzeige einer bekannten Firma meldeten sich an die 20 weibliche Wesen. Sie hatten entweder krumme Beine oder dicke Hüften oder ein zu stupides Gesicht. Es kam keine von allen in Frage. Der Besitzer des Modesalons meinte, die zu Mannequins geeigneten Mädchen hätten heute Möglichkeiten, zu einem angenehmeren Leben zu kommen.
Dabei werden Mannequins gut bezahlt, und es fällt manches Kleid auch jetzt noch für sie ab. Die Schülerinnen einer neugegründeten Mannequinschule sind bei den diesjährigen Berliner Modeschauen noch nicht in Erscheinung getreten.
Die Ausländerinnen sind meist sehr zufrieden mit den Berliner Modeleuten, nicht nur, weil sie, umgerechnet in Kaffee und Zigaretten, für ihre Begriffe billig kaufen. Sie meinen oft, daß es die Berliner Modelle mit den Pariser Modellen durchaus aufnehmen können.
Sie sagen: "Man ist in Philadelphia (oder in Birmingham) entzückt über die reizenden Kleider, die wir in Deutschland haben arbeiten lassen." Sie sind überzeugt, daß sie aufschlußreiche Vorboten für einen guten Export seien. Und daran klammern sich die Berliner Modehäuser und entschuldigen die hohen Preise, die der normale Sterbliche nie bezahlen kann.
Die ausländischen Kundinnen werden in den Salons mit der Zuvorkommenheit bedient, die man früher Filmstars zuteil werden ließ. "Die Sekretärin von General Clay läßt bei uns arbeiten", heißt es.
Die Mode zeigt sektorenweise kleine Abweichungen, ebenso wie der Typ der jungen Berlinerin. Man bevorzugt in den englisch - amerikanischen Sektoren die sportlich-gediegene Eleganz und die breitgeschwungenen bemalten Lippen.
Man neigt im französischen Sektor zu der koketten Anmut und dem herzförmigen Mündchen der Pariserin. Man hört im sowjetischen Sektor etwas seufzen beim Versuch, die westlichen Begriffe von Eleganz mit der Figur und der Vorliebe für grelle Farben der Russin zu vereinigen.
Das Modezentrum ist fast ausschließlich der Westen geworden. Dort sind die geschmackvollen Salons mit den Stilmöbeln, tiefen Teppichen, dem Hauch französischer Parfüms und dem Durcheinander der Sprachen.
Wenn man mit der U-Bahn dorthin fährt, steht man gedrängt zwischen Männern mit ausgefransten Jacken, Frauen mit verwaschenen Kleidern, Kindern, denen die blanken Zehen aus den Holzsandalen hervorschauen, zwischen Rucksäcken und eingerissenen Taschen.
Ein Nachmittagskleid, ein Hausanzug, zwei Mannequins - und alle vier sind selten

DER SPIEGEL 21/1947
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