07.06.1947

Im Geiste mit

Eine Hafenrundfahrt gehört zu einem Besuch in Bremen wie Grotewohl zu Pieck. Pieck & Grotewohl gönnte man sie nicht. Als ein Boot, mit den Vätern der Einheit an Bord, den Kai verließ, wurde es von fünf Polizeikreuzern gestoppt und mußte umkehren.
Immerhin war Pieck & Grotewohl im amerikanisch besetzten Stadtstaat erlaubt worden, im Bürgerpark zum Thema "Was wird aus Deutschland?" zu verkünden, die deutsche Arbeiterklasse sei nun reif, ihren Kampf in einer einzigen sozialistischen Partei fortzuführen.
Im britisch besetzten Hannover dagegen durften sie nicht einmal die Stadt betreten, geschweige denn zu den dort zum "Parteitag für die sozialistische Einheit" versammelten KPD-Genossen sprechen. Sie standen nur zu nächtlicher Stunde ein Weilchen an der Autobahn in der Nähe der Stadt und ließen dem Parteitag durch Kurt Müller ihre Grüße übermitteln.
"Man hat unsere Genossen behandelt wie Aussätzige!" donnerte dieser in den Beethovensaal der Stadthalle. "Pfui!" rief das mehrere hundert Köpfe starke Auditorium, und ein Zwischenrufer äußerte vernehmlich: "Die (gemeint: die Engländer) hören lieber das Kaspergesicht!" (gemeint: Kurt Schumacher von der sozialistischen Bruderzwistpartei).
Die Berliner SED-Vorsitzenden unternahmen ihre Propaganda-Reise auch diesmal wieder in Erfüllung des Versprechens, das sie sich auf dem Vereinigungskongreß gegeben hatten: über Deutschland die Herrschaft der Arbeiterklasse aufzurichten. Damals war es auch, daß der greise Wilhelm Pieck behäbig lächelnd den Wanderstab in Empfang nahm, den der alte Bebel sich zu seinen Pilgerreisen durch Deutschland mit eigener Hand gedrechselt hatte (siehe Umschlag).
Auch den angekündigten Einheitskämpfern Ulbricht und Fechner hatten die Briten nicht erlaubt, in Hannover zu sprechen. Und selbst das Abspielen einer Grammophonaufnahme ihrer Einigungsrede war verboten worden, denn der Zivilgouverneur hatte bereits vor dem Parteitag erklärt, daß die Genehmigung zur Gründung der SED in Niedersachsen nicht erteilt werde. "Aber im Geiste sind sie doch mit uns!" wurde unter Beifall verkündet.
"Sozialisten wollen nicht nur kritisieren, sie wollen es besser machen", stand auf einem der Spruchbänder, die den Beethovensaal mit leuchtendem Einheitsrot schmückten. Man kritisierte. Kurt Müller, der zweite Zonenvorsitzende, vor allem. Dem "Eldorado für Militaristen und Reaktionäre" der Westzonen hielt er den fortschrittsfreudigen Osten" entgegen. "Die Engländer mögen uns Kommunisten nicht", sagte er.
Im Saal war es drückend heiß. Müller ließ sich Zeit. Das Präsidium auf der Bühne verteilte deshalb während seiner Rede Bierflaschen und biß kräftig ins Butterbrot.
Wenn Müller Seitenhiebe gegen die Engländer austeilte, sogen die Raucher erregter an ihren Navy Cut. Nur wenige Teilnehmer schliefen bei der Rede des in Hemdsärmeln sprechenden Müller. Bei der politischen Diskussion im zweiten Teil des Parteitages einige mehr.
Die übrigen aber waren aufmerksam genug bei der Sache, um einen vom Debatten-Thema "Sozialistische- Einheit" abschweifenden Redner vernehmlich von der Tribüne herunterzurufen. Nach mehrfachen Unmutsäußerungen mußte er abtreten, ohne den begonnenen Satz "In diesem Sinne fordern wir . . " vollenden zu können.
In Hannover wurde verkündet, daß man im Kampf um die Einheit "nicht stur an der Demokratie festhalten", sondern "gegebenenfalls mit revolutionären Mitteln antworten" würde, wenn der Gegner dazu zwinge. Auf dem Hamburger Parteitag der norddeutschen KPD dagegen setzte sich Max Reimann vom Gedanken der proletarischen Diktatur ab. Sie sei kein unerläßliches Zwischenstadium auf dem Wege zum Sozialismus.
Zum Hamburger Parteitag hatten sich in den Harvestehuder Lichtspielen neben 600 Kommunisten 200 Vertreter der SPD und 100 Parteilose eingefunden. Auf dem eigens hergerichteten Parkplatz standen nur wenige Wagen. Die Teilnehmer kamen zu Fuß oder mit der Trambahn. Gustav Gundelach, Vorsitzender der KPD Wasserkante, entstieg am Eppendorfer Baum der Hochbahn.
Max Reimanns Thema war neben der sozialistischen Einheit vor allem die Bodenreform. Er machte dem kommunistischen Rochus über die britischen Landverteilungspläne Luft und bezeichnete die Westzonen als den Treffpunkt der im Osten enteigneten Kriegsverbrecher.
Reimann mußte nach dem Parteitag ins Ruhrgebiet zurück, um sich bei Gouverneur Asbury einen Verweis zu holen. "Eine ähnliche oder noch strengere Verwarnung wie der Gewerkschaftssekretär Hoffmann", weiß die "Times" zu berichten. Letzterer hatte geäußert, die Engländer hätten den Deutschen nur leere Versprechungen gemacht.

DER SPIEGEL 23/1947
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