21.06.1947

Oesterreichs Papen

Vier Wochen waren für den Prozeß gegen Dr. Guido Schmidt, Vor-"Anschluß" -Außenminister Oesterreichs, angesetzt. Es wurden fast vier Monate daraus.
Nach der Vernehmung von über 50 Zeugen und nach der gewandten Verteidigung des Angeklagten selbst kam das Gericht zu einem Freispruch. Ein Beweis für den Tatbestand des Hochverrats habe nicht erbracht werden können.
Aber es geht Guido Schmidt wie seinem seinerzeitigen Wiener Gegenspieler Franz von Papen. Dieser wurde in Nürnberg freigesprochen, um von der Stuttgarter Spruchkammer für acht Jahre ins Arbeitslager gesteckt zu werden. Gegen Guido Schmidt hat auf Antrag der Sozialdemokratischen Partei Oesterreichs Innenminister Oskar Helmer ein Verfahren im Sinne des Artikels 4 des Entnazifizierungsgesetzes angeordnet. Der Artikel belangt jene, die der "Zusammenarbeit mit dem Feinde" bezichtigt werden.
Am 28. Juni 1945 war Schmidt von den Franzosen in Bludenz, Vorarlberg, verhaftet worden. Seitdem seine Stellung als Generaldirektor der Hermann-Göring-Werke gegenstandslos geworden war, hatte er sich bei seinem Bruder Joseph, einem bekannten, vielfach verfolgten und jetzt vielfach gepriesenen österreichischen Untergrundkämpfer, eingenistet. 18 Monate saß er in Untersuchungshaft, bis es zur Prozeßeröffnung kam. Der Mann, der dann dem Gericht vorgeführt wurde, glich in nichts mehr dem einstigen Tiroler Skimeister. Tiefe Furchen durchzogen das Gesicht des schwer zuckerkranken 46jährigen Exdiplomaten.
In der Verhandlung stieg noch einmal das Ende des alten österreichischen Staates herauf. Kurz vor dem Juliabkommen 1936, in dem Hitler grundsätzlich die Unabhängigkeit Oesterreichs anerkannt hatte, war Schmidt zum Staatssekretär des Auswärtigen ernannt worden. Am 14. Februar 1938 begleitete er, nun als Außenminister, den damaligen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg zu der befohlenen Unterredung mit Hitler nach Berchtesgaden, wo Oesterreichs Ende besiegelt ward.
Hat Schmidt bei diesen Verhandlungen gegen die wahren Interessen Oesterreichs für den "Anschluß" gewirkt?, das war die Frage. Der Angeklagte zitierte zu seiner eigenen Entlastung seine zeitgenössischen Kollegen in den westlichen Ländern. Er nannte den ehemaligen englischen Außenminister Anthony Eden und verwies auf dessen Erklärung: Hitler sei ein ehrlicher Fanatiker, der keinen Krieg wolle. Er berief sich auf Verhandlungen mit Baldwin und Chamberlain in London, in denen ihm versichert wurde, daß England und Frankreich militärisch nicht eingreifen würden, falls Hitler in Oesterreich oder die Tschechoslowakei einmarschieren sollte.
Geradezu eine Sensation gab es, als ein Bericht des dermaligen österreichischen Gesandten in Berlin, Tauschitz, verlesen wurde. Dieser hatte den Berliner englischen Botschafter Sir Nevile Henderson um Rat und Hilfe gebeten. "Ich verstehe die Selbständigkeitsbestrebungen Oesterreichs gar nicht", erwiderte ihm Henderson. "Es handelt sich doch um ein deutsches Volk und es würde nur eine Erleichterung für den Frieden in Europa sein, wenn die beiden deutschen Staaten sich zusammenschließen würden."
Des Kronzeuge des Verfahrens erschien nicht vor Gericht. Oesterreichs Exbundeskanzler Dr. Kurt von Schuschnigg weigerte sich nach Wien zu kommen. Zweimal wurden Untersuchungsrichter zu ihm nach den USA geschickt. Was sie zurückbrachten, waren dann nur gute Worte des einstigen Chefs für seinen einstigen Außenminister und Mitschüler auf dem Jesuitenkolleg in Feldkirch.
Von diesem Augenblick an ging eigentlich das Schwergewicht der Anklage auf jenen Mann über, der nicht im Saal anwesend war. Schuschnigg selbst wurde belastet. Es war sein ehemaliger Vizekanzler Baar - Bartenfels, der den früheren Bundeskanzler großdeutscher Ambitionen und der geheimen Konspiration mit Papen (allerdings auch mit Otto von Habsburg) bezichtigte.
Das Gericht konnte dieser Anklage nicht weiter nachgehen. Dafür griff sie die Wiener Oeffentlichkeit auf.
Die Regierung schwieg. Sie hatte auch nicht Stellung genommen, als schon zu Beginn des Prozesses Schmidt "ein Mitglied der gegenwärtigen österreichischen Regierung" schwer belastete. Dieser (allerdings namentlich nicht genannte) Regierungsmann sei weit mehr am "Anschluß" schuld, als er (Schmidt) selbst.
Dazu sagte Bundeskanzler Leopold Figl, der auch als Zeuge auftrat und den Angeklagten wohlfällig entlastete, nichts. Dafür mußte er sich in der Oeffentlichkeit sagen lassen, er sei ja auch alter Christlich-Sozialer wie Schuschnigg selbst. Und der Anklageschrift wurde vorgeworfen, jeder Belastung Schuschniggs peinlich aus dem Wege zu gehen. Sonst könnte ja auch der "Widerstand Oesterreichs gegen den Hitlerismus" kompromittiert werden.
Ohne Anschluß Guido Schmidt wurde freigesprochen

DER SPIEGEL 25/1947
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