02.08.1947

An der mittleren Ostfront

Warum stehen wir weiterhin zu Alfred Loritz?" fragte der bebrillte Ludwig Höllerer im Münchener Matthäserbräu rethorisch. Der Führer der Loritz-Gruppe in der WAV erläuterte in einer "Großkundgebung", daß sein Meister das Opfer von Denunzianten geworden sei und unschuldig hinter Gittern schmachte. Die Münchener Spatzen pfiffen ja von den Dächern, daß Loritz nur wegen seiner Aktion gegen Ermächtigungsgesetzler und belastete CSU-Größen eingesperrt worden sei.
Loritz sei furchtbar ausgemergelt gewesen, er habe bis zwei und drei Uhr nachts im Sonderministerium geschuftet. Im Winter sei es bei ihm saukalt gewesen und er, Höllerer, habe enorm bei ihm gefroren. Der schmächtige 44jährige Familienvater mit drei Kindern ereiferte sich auch über den neuen Mann auf Loritz' Ministersessel: "Hagenauer ist der Onkel von der Frau des CSU-Vorsitzenden Dr. Josef Müller!"
Der CSU-Onkel, der Loritz' Säuberungserbe antritt, ist ein bedächtiger Mann und spricht lieber ein Wort zu wenig als zu viel. Der große 60jährige Bauernsohn mit der gelben Hornbrille im runden Gesicht hat die übliche Juristenlaufbahn hinter sich, die nur während der Nazizeit unterbrochen war. Politisch ist er auch als CSU-Staatssekretär im Justizministerium nie hervorgetreten. "Ich muß erst das Sonderministerium von Grund neu aufbauen", sagte er. Er will mehr Juristen in die Kammern setzen und sein Amt in der Art eines Justizministers handhaben. Das schwierigste sei, Leute zu finden, die völlig unbelastet sind.
Besonders scharfe Maßstäbe werden bei der Ueberprüfung von bayerischen Landtagsabgeordneten angelegt. Der CSU - Volksvertreter August Haußleiter hatte 1941 ein Buch geschrieben, das "An der mittleren Ostfront" hieß. Nach Auffassung des Wahlprüfungsausschusses hat dieses Buch eine militaristische Tendenz. Ein Mann, der ein Buch mit militaristischer Tendenz geschrieben habe, sei nicht würdig, Volksvertreter zu sein. Ihm wurde das Mandat aberkannt.
Mit Entnazifizierungsbescheid und Unbedenklichkeitserklärungen der Amerikaner in der Tasche kletterte der Protestant August Haußleiter auf die Rednerpulte in Volksversammlungen und zog gegen die Hundhammer-inspirierte CSU-SPD-Koalition vom Leder. Das hatte er auch schon im Landtag getan, als er seinen streng katholischen Fraktionsvorsitzenden Alois Hundhammer schärfstens anging. Viele glauben auch, daß nicht Haußleiters Ostfront-Buch, sondern seine Anti-Hundhammer-Einstellung ihm das parlamentarische Genick gebrochen hat.
Den CSU-Volksvertretern war das ganze Spiel peinlich. Der Parteivorsitzende Dr. Josef Müller legte Haußleiter nahe, sich beurlauben zu lassen. Er wollte nicht. Dann wurde Alois Hundhammer aufgefordert, als Fraktionsvorsitzender zurückzutreten. Er sei doch schon Kultusminister. Er wollte auch nicht.
Alois Hundhammer wird aber gehen müssen, und zwar als Kultusminister. Vorläufig haben ihn die Parlamentsferien gerettet. Die SPD brütet inzwischen eine Stellungnahme gegen ihn aus und will sich der FDP anschließen. Sein Freund Wilhelm Högener von der SPD wurde lange nicht mehr mit ihm zusammen gesehen. Er fährt auch nicht mehr in Hundhammers Auto.
Verhaftet der Idee. Opfer seiner Politik: Ex -Minister Loritz

DER SPIEGEL 31/1947
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