18.10.1947

Alexanders Tochter führt Regie

In der "Kleinen Komödie" zu München wird ein neues Stück geprobt, und eine Frau führt Regie. Das Stück heißt "Das verschlossene Haus" und ist die patente Artisten- und Diplomaten-Komödie aus dem Englischen des Michael Harvard. Die Frau heißt Beate von Molo und ist die Tochter Alexander Moissis.*)
Beate von Molo führt nicht zum ersten Male Regie. Im vorigen Jahr dirigierte sie, auch in der Münchener "Kleinen Komödie", das Spiel in "Verzeih, ich habe mich verspätet", einem Stückchen aus dem Französischen. Im Sommer hatten die Kritiker viele schmückende Beiworte übrig für ihre Inszenierung von van Drutens "Lied der Taube" in Baden-Baden.
Beate von Molo hat, seit langem mit Kurt von Molo, dem Sohn des Dichters Walter von Molo, verheiratet, viel im Ausland gelebt und sich in der internationalen Künstlerwelt, bei Theater und Film gehörig umgesehen. Geboren wurde sie in München, aber sie kam sehr bald nach Berlin. Sie wurde in einer Hängematte hingeschaukelt, so ganz klein war sie noch.
Ihre Mutter, die Burgschauspielerin Maria Urfus, stellte immer wieder in allem und jedem die größte Aehnlichkeit zwischen Vater und Tochter fest.
Der Vater, der große Alexander Moissi, wurde 1880 im damals noch österreichischen Triest als Sohn italienischer Eltern geboren. In Wien begann er als kleiner Statist, dem niemand seine strahlende Laufbahn vorausgesagt hätte.
Einmal, als Josef Kainz gastierte, mußte Moissi in einem Stück einen Brief überbringen. Die Augen von Kainz beobachteten und verfolgten den Unbekannten. Später verlangte er, Moissi zu sprechen. Er erkannte in ihm das Genie, obwohl Prüfungen, Kommissionen und Dokumente es ableugneten: "Der Statist Moissi ist untauglich als Schauspieler".
Er kam über Prag nach Berlin, und man verlachte ihn. "Der verrückte Italiener, das Protegé von Reinhardt - weg mit ihm", stand in den Kritiken.
Dann sah Alfred Kerr ihn und schrieb eine Hymne über ihn. Moissis Weg führte steil nach oben. Der Schauspieler mit dem flackernden Temperament, der weichen Cellostimme wurde einer der berühmtesten Darsteller des "Deutschen Theaters": als Hamlet, Romeo, Tasso, Jedermann, Franz Moor, in den Rollen der Shakespearschen Narren und als Oswald in Ibsens "Gespenster" und als Fedja in Tolstois "Lebendigem Leichnam".
In den Weltmetropolen stand an den Bühneneingängen der Theater, in denen Moissi gastierte: "Es ist verboten, Herrn Moissi Blumen zu bringen und Autogramme von ihm zu erbetteln". Anders gab es keine Rettung vor dem Kult, den seine Verehrer und Verehrerinnen mit dem "Göttlichen" trieben.
1934 verließ Moissi Deutschland. In dem großartig ausgestatteten und großartig gespielten italienischen Medici-Film stellte er Lorenzo den Prächtigen dar, und man erzählt sich, daß er an den heißen Aufnahmetagen im Uebermaß Eisstückchen schluckte und sich so die schwere Erkältung zuzog, mit der die Lungenentzündung begann, an der er 1935 in Wien starb,
Albert Bassermann steckte dem Toten den Ifflandring symbolisch an den Finger. Jenen eisernen Ring mit dem von Diamanten eingefaßten Porträt des großen Schauspielers Iffland, der jeweils von seinem Träger dem von ihm bestimmten besten deutschen Schauspieler weitergegeben wird.
In diesem Jahr hätte Alexander Moissi sein 40. Bühnenjubiläum feiern können. Der Tag fällt fast genau mit dem zusammen an dem seine Tochter Beate ihre dritte Premiere als Regisseurin hat.
*) Bettina Moissi, die durch die Rolle im Käutner-Film "In jenen Tagen" bekannt "wurde und Jetzt in Berlin Theater spielt, ist ihre Halbschwester.
Mutter sagte: Dem Vater sehr ähnlich
Beate von Molo und das Regiebuch

DER SPIEGEL 42/1947
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