25.10.1947

Die Reaktion

Das Ob der Demontage stehe außer Zweifel, und nur das Wie stehe noch zur Diskussion. Mit einer Eindeutigkeit, die nach Ansicht der Hamburger "Zeit" "schwerlich die Einleitung eines Gespräches sein kann", erklärte General Robertson dies den Deutschen.
Als acht der vierzehn Tage verstrichen waren, die man den deutschen Ministerpräsidenten für ihre Einsprüche gegen den Abbau bestimmter Werke und ihre Vorschläge für einen Austausch bewilligt hatte, hatten sie sich gerade auf eine sechspunktige Resolution geeinigt. In die verbleibende Woche weist programmatisch der Beschluß, die weitere Prüfung der Demontagelisten werde durch den Zwei-Zonen -Wirtschaftsdirektor Semler zusammen mit den Wirtschafts- und Arbeitsminiistern vorgenommen. Im übrigen ist die Resolution weder ein Protest noch ein Anerkenntnis. Die Deutschen werden zur Besonnenheit ermahnt, die Allierten auf die Einseitigkeit ihres Handelns hingewiesen.
Im Saal des Taunushotels von Wiesbaden waren Ministerpräsidenten der Bi-Länder mit ihren Wirtschafts- und Arbeitsministern und den Herren des Exekutivrats zusammengekommen, um die deutsche Haltung zur Demontage zu umreißen. Im Verlauf ihrer Konferenz bezeichneten sie ihr meeting plötzlich nur noch als Vorkonferenz. (Nach Schätzung eines Finanzministers kostete es 15 000 l Sprit.)
Die Anregung zur Konferenz war von Arnold, Nordrhein-Westfalens christlichem Gewerkschaftspremier, ausgegangen, dessen Land die größte Einbuße verzeichnet.
Zur Vorbereitung der Vorkonferenz traten am Dienstag im Höchster I.G.-Haus die Wirtschaftsminister zu einer streng geheimen Sitzung zusammen. Hinter den geschlossenen Türen herrschte völlige Einmütigkeit. Die sozialdemokratischen Minister harmonierten besser als es anfangs schien mit dem CDU-Wirtschaftsdirektor Semler. Es ergab sich, daß scharfe Meinungsverschiedenheiten zwischen den Deutschen und Alliierten über die Betriebskapazität bestehen, die der Demontageliste zugrunde gelegt wurde.
Dr. Magnus aus dem hessischen Wirtschaftsministerium, der für Dr. Harald Koch erschienen war, ließ die Kollegen aufhorchen. "Wir stehen uns mit unserer amerikanischen Regierung sehr gut", sagte er. Unsere Amerikaner haben erklärt, daß wir ja weiterarbeiten könnten. Wir fragten: Aber wie lange noch. Da meinten sie, ein bis zwei Jahre. Und dann? fragten wir. Na, was in zwei Jahren ist, weiß man heute noch nicht.
Man wollte den gleichen Vorhang des Schweigens, der über der Wirtschaftsministertagung hing, auch vor der Konferenz der Ministerpräsidenten zuziehen. Vier Kriminalbeamte waren eigens angestellt worden, die Konferenzräume vor der Presse zu schützen.
"Was, Ihr steht hier draußen", erstaunte sich Hessens Staatssekretär Brill. Nach einer halben Stunde machte sein Ministerpräsident Stock die Konferenz öffentlich. Die Presse erschien zu den Referaten von Brauer und Semler.
Brauer erhielt das Wort. Aber der grauhaarige Hamburger Bürgermeister war nicht aufzufinden. "Er schreibt noch an seiner Rede", sagte Dr. Suchan vom Exekutivrat leise zu seinem Nachbarn.
Als Brauer nach fünf Minuten mit rotem Kopf in den Saal kam und sich zwischen den Stühlen wand, hielt er das frische getippte Manuskript in der Hand.
Er las mit erhobener, vor Aufregung stockender Stimme und schlug vor, keine großen Resolutionen zu fassen, sondern im stummer Trauer das unabwendbare Schicksal zu tragen. Nachher wurde von der Pressestelle der hessischen Landesregierung eine, Brauer-Rede verteilt, die er nie gehalten hatte.
Während sich die Zeitungsleute wieder aus dem Saal drängten, setzten sich die Ministerpräsidenten mit ihren Exekutivratsvertretern zusammen. Vor ihnen lag eine Reihe von Resolutionsvorschlägen, einer von Niedersachsens Kopf, ein anderer von Arnold, der von Bürgermeister Brauer und der Vorschlag der Wirtschaftsminister, der in der Höchster Einigkeit verfaßt worden war.
Beim Mittagessen tagen zwischen den Weingläsern die blauen Bogen mit den Resolutionsvorschlägen. Sie wurden sogar besprochen. Doch mit der schönen Einmütigkeit des Vortages war es vorbei. "Ich möchte auf jeden Fall verhindern, daß der Entschluß der Wirtschaftsminister torpediert wird," sagte der niedersächsische Wirtschaftsminister Kubel. "Ich würde bedauern, wenn Länderinteressen die bizonale Lösung beeinflussen, die wir ausgearbeitet haben.
Nach dem Mittagessen wurde ein Ausschuß gebildet und mit der Abfassung eines letzten Entwurfs betraut: Stock, Lüdemann, Kubel, Koch, Nölting, Arnold.
Die Ministerpräsidenten berieten dann ohne Zeugen über den vorgelegten Entwurf. Die Schwierigkeit des Unternehmens war klar: Es galt, die Alliierten nicht vor den Kopf zu stoßen und gleichwohl vor dem Volk nicht als Erfüllungspolitiker dazustehen. Doch alles ging schnell. Stock kam heraus, las die Erklärung vor, und alles war zu Ende.
Die Presse war mit ihren Protesten weniger zurückhaltend, und vom "nervenerschütternden Schlag für die deutsche Wirtschaft" bis zur "kalten Berechnung unter dem Gesichtspunkt der Ausschaltung künftiger deutscher Industrie-Konkurrenz" werden volltönende Akkorde angeschlagen. Die alliierten Erklärungen hingegen kranken nach der "Zeit" daran, "daß sie möglichen deutschen Gegengründen im voraus eine ungünstige moralische Zensur erteilen". "Hier stehen wir" auch dies ist ein "Zeit"-Zitat - "wie so oft vor dem Widerspruch, daß die Besatzungsmächte gleichzeitig eine absolute Befehlsgewalt über Deutschland und eine Demokratie in Deutschland wollen."
Allerdings ist es keineswegs so, daß auf deutscher Seite nur animose Kritik, auf alliierter Seite nur vorbehaltlose Billigung des 681-Werke-Planes festzustellen wäre. Beide Lager begegnen sich, wenn sie nach der Möglichkeit einer Synthese zwischen einem demontierten Deutschland und einem Marshall-Europa fragen. Sie überschneiden sich, wenn die links-radikale englische "Tribune" von der "Geburtsstunde eines deutschen Nationalismus" als psychologisch erklärbarer Folge der Demontagen spricht, während die "Hamburger Allgemeine" die Demontageliste als Festlegung der Grundlage, auf der nun endlich der Neubau der deutschen Wirtschaft begonnen werden kann, begrüßt, allerdings unter der Voraussetzung, "daß nun eine Rechtssicherheit besteht."
Wenn der Zonenbeirats - Vorsitzende Henßler aus Dortmund und der Präsident des Frankfurter Exekutivrats Karl Spiecker die Demontage "unter dem Gesichtspunkt Europas betrachten" und sie dabei "nicht nur wirtschafts- sondern auch europafeindlich finden, so enthebt sie Lord Straboli, ein Peer aus dem englischen Oberhaus, des Verdachts, nur pro domo zu sprechen, wenn er sagt, der Zustand Europas sei derart, daß England sich die Durchführung der Demontagepolitik nicht leisten könne.
Auch andere Stimmen weisen auf die Folgen der Trennung von Maschine und Arbeiter und auf Kosten und Zeitverluste bei Demontage und Remontage hin und betonen, daß in einem Marshall -Europa ohnehin gleichgültig sei, wo eine Maschine steht, wenn sie nur produziert.
Als positives Faktum der Demontagelisten nennt der Leiter der Reparationsabteilung in der britischen Kontrollkornmission, G. S. Witham, die schnelle und maßvolle Regelung der Reparationsfrage für die Bizone im Gegensatz zu der langandauernden und psychologisch lähmenden von 1919 bis 1932. Demgegenüber fordert der Berliner "Kurier", man solle Deutschland Gelegenheit geben, Reparationen durch Arbeit zu bezahlen.
Die Liste
Robertson läßt keine Wahl

DER SPIEGEL 43/1947
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