25.10.1947

Heraldische Kehrseiten

Hessen hat wieder ein Staatswappen. Das Kabinett beschloß endgültig, den rot weißen Löwen auf blauem Grund des Weimarer Volksstaates Hessen zu übernehmen.
Dessen Neuauflage "Groß-Hessen" proklamierte General Eisenhower vor zwei Jahren. "Groß", weil er die vielen historischen "Klein-Hessen" zusammenfaßte. Das "Groß" fiel jedoch bald der Erinnerung an "Großdeutschland" zum Opfer.
Das geschlossene Staatsgefüge blieb. Dessen bekam eine Regierung und ein Parlament. Es fehle nur noch ein Wappen, meinte Ministerpräsident Christian Stock im Frühjahr.
Kultusminister Stein schrieb im März einen Wettbewerb aus. Jeder Deutsche durfte mitmachen, soweit er kein Nazi war. Als Preise lockten je einmal 1500, 1000 und 500 Mark. Der Phantasie der Bewerber waren keine Grenzen gesetzt, nur dynastische oder militaristische Symbole waren nach den Teilnahmebedingungen ausgeschlossen.
Drei Tage vor dem letzten Termin am 26. April, griff, der "Wiesbadener Kurier" in den Wettbewerb ein.
"So zieh'n wir über Stock und Stein,
Mit Zinnkahn', Binder und 'nem Koch
In diese Weltgeschichte ein.
Vielleicht gibt es 'nen Trostpreis noch
stand unter einer Karikatur, mit der sich Wiesbadens scharmante Zeichnerin Regina May auf das politische Glatteis begeben hatte. In Hessen lassen sich nämlich die Namen der meisten Kabinettsmitglieder gegenständlich darstellen. Und die Wiesbadener merkten bald, daß mit dem Spazierstock in der Mitte des "Kurier" -Wappens Ministerpräsident Stock, mit dem weißbemützten Koch unter dem verhungerten Löwen Wirtschaftsminister Koch, mit dessen rundlicher Zinnkanne Innenminister Zinnkann, mit dem Stein ganz unten Kultusminister Stein und endlich mit der punktierten Krawatte Sonderminister Binder gemeint waren.
In der Staatskanzlei an der Bierstädter Straße war man darüber nicht wenig böse. Dr. Hermann Brill Hessens temperamentvoller und auf dem Wappen vergessener Staatssekretär, drückte dem "Wiesbadener Kurier" im Auftrage des "Spazierstocks" das Befremden der Staatsregierung über die Karikatur aus. "Die, Schaffung eines Staatswappens ist keinesfalls eine gedankenlose Spielerei", schrieb er. Für das aus Mehreren historischen Staatsteilen zusammengefügte Land Hessen brauche man neue Stempel, Siegel, Amtsschilder usw. und dazu sei erst einmal ein ordentliches Staatswappen nötig.
Die Zeitung aber hatte schon vor Empfang dieser Rüge eine Antwort an einige hessische Patrioten abgedruckt, die sich getroffen fühlten. "Wir haben die Humorlosigkeit unserer Mitbürger unterschätzt", schrieb sie und empfahl den Beleidigten, sich einmal die Karikaturen ausländischer Zeitungen vergleichend anzusehen. Diese Antwort ging auch mit einem Begleitbrief an die Staatskanzlei.
Indessen sichtete die Jury im Kultusministerium die eingegangenen Entwürfe. "Es war alles dabei!" erzählte später einer der Preisträger, "Bauernhäuser, für Prospekte geeignet, Kornähren in Bündeln - wie Reklame für eine Haferflockenfabrik, Industrie-Räder, Weintrauben - alles war entweder Reklame oder zweideutig."
"Drei Preise und doch kein - Wappen", stand am 6. Juni in der Zeitung. Der Frankfurter Bildhauer Adolf Jäger hatte sich den ersten Preis geholt mit einem rot weiß gestreiften Löwen auf blauem Untergrund und einer (dennoch) goldenen Krone über dem Schild. Den dritten Preis von fünfhundert Mark bekam der zwanzigjährige Winfried Schaaf. Doch keiner der Entwürfe stellte die Richter zufrieden.
Dr. Korn, Staatsarchiv Heraldiker aus Detmold, gab Verbesserungsvorschläge und die Staatskasse weitere tausend Mark für jeden der drei Preisträger. Die beiden ersten brachten die alten Sachen verbessert wieder. Nur der Zwanzigjährige wartete mit zwei neuen Ideen auf. Ein gevierteltes Wappen versah er mit vielerlei Symbolen, und auf das andere setzte er den hessischen und den nassauischen Löwen gemeinsam als Zeichen der großhessischen Einheit. Spötter behaupteten, die beiden Leue im Wappen schlügen sich. Und wenn man sie umgedreht hätte, wäre es möglicherweise symbolisch gedeutet worden, daß sie sich ihre Kehrseite zuwenden.
Das Kabinett entschied sich darum für den alten Hessen-Löwen. Sein Schild trägt zwar eine Krone, aber es ist eine Volkskrone.
Ein Ulk - Heraldische Späße über Stock und Stein
Kein Ulk - Der Zweikampf
der hessischen Löwen wurde verworfen

DER SPIEGEL 43/1947
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