25.10.1947

Dann ist die Katastrophe da

Normalerweise spült der Rhein 2,10 m hoch um den Fuß des Loreley-Felsens. Augenblicklich ist er dort nur 65 cm tief. "Es wird eine Katastrophe geben, wenn der Winter in diesem Jahre früh eintritt", schrieb Jupp Schwarz an die Baseler Rhein-Schiffahrts-AG, Jupp Schwarz, Inhaber der Firma Heinrich-Schwarz, Schifffahrtsvertretungen, St. Goar. Mittelgroß, mit durchdringenden Augen und buschigen Augenbrauen, ist der "Schwarze Jupp" immer auf den Beinen. Sorgenfalten zerfurchen sein wettergebräuntes Gesicht, Der Rhein-Wasser-Mangel hat das Geschäft ruiniert.
Selbst wenn der Schwarze Jupp an seinem Schreibtisch sitzt und gleichzeitig auf zwei verschiedenen Leitungen telephoniert, hat er sein Fernglas neben sich liegen. Früher konnte er von seinem Kontorfenster aus die Schiffe gut dem Rhein vorbeifahren sehen. Jetzt sieht er höchstens die Schornsteinspitzen der Schleppdampfer über der Uferböschung, wenn überhaupt mal etwas vorbeikommt. Der. Wasserspiegel ist hier 2,5 m niedriger als gewöhnlich. *)
Die Folge davon ist, daß auf der Reede von Bad Salzig oberhalb Boppards 200 Fahrzeuge mit 59 723 t Ladegut festliegen. In endloser Kette reiht sich Schiffsrumpf an Schiffsrumpf, und an den Ruheplätzen Oberlachenstein, Wallersheim, Bendorf -Engers, Neuwied und Andernach sieht es nicht anders aus. Die Laderäume sind schon monatelang unter Verschluß.
Jupp Schwarz hat der Baseler Rhein -Schiffahrts-AG. klarzumachen versucht, was man zur. Rettung dieser Kähne tun müsse, damit sie nicht endgültig auf Grund liegen bleiben: Er will sie durch Motorschiffe entladen und an tiefere Stellen schleppen lassen. "Wenn Niederschläge kommen, werden sie der Jahreszeit entsprechend als Schnee kommen, und das bedeutet: Winter", erläuterte er seinen Schweizer Geschäftspartnern die Situation. "Bei dem niedrigen Wasserstand tritt schon bei wenigen Kältegraden Treibeis auf, und die Katastrophe ist da."
In den Büchern in Jupp Schwarzens Kontor kann man lesen, daß im August noch 800 000 t bergwärts gingen, im Oktober wird die 100 000 t - Grenze kaum erreicht werden. Ein Kahn ist von Rotterdam nach Basel normalerweise 3-Wochen unterwegs, jetzt dauert es bis zu 80 Tagen, wenn er überhaupt durchkommt.
Daß im französischen und süddeutschen Rhein-Gebiet das Benzin knapp wird, ist eine erste Folge des knappen Wassers. Die einzigen, die sich über den gesunkenen Wasserspiegel freuen, sind die Brückenbauer: Sie können jetzt endlich die Brücken bei Engers und Neuwied an den Fundamenten begucken.
*) Am 19. Oktober zeigte der Pegel von Caub 8,53 m. Der bisher niedrigste Pegelstand wurde 1921 mit 0,55 m registriert. Damals war das Niedrigwasser-Problem nicht so brennend, weil die Flußsohle unbeschädigt war. Heute gefährden Felstrümmer und der durch Bombentreffer aufgewühlte Grund die Schiffsleiber, und Kräne für Leichterungen fehlen.

DER SPIEGEL 43/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Dann ist die Katastrophe da

  • Tiefseetauchgang: Wrack der Titanic in schlechtem Zustand
  • Der Chart-Stürmer: Rechter Rapper "Chris Ares"
  • Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht
  • Trump über Grönland-Absage: "So redet man nicht mit den USA"