25.10.1947

Zuviel ist geschehen

Ein häßlicher Saal mit Zuglufttendenz in einem düsteren Hinterhaus Berlin W nahm die 150 Delegierten der Arbeitsgemeinschaft der Jüdischen Gemeinden in Deutschland auf.
Rissiges Parkett und wacklige Gartentische zeugten von der Unterstützung des Berliner Magistrats. Blau-weiße Fahnen mit dem Stern Davids und kleine Blumenkörbe sollten die Nüchternheit des Raumes soweit als möglich auflockern.
Es war die zweite Tagung der Arbeitsgemeinschaft. Sie will die Zusammenarbeit aller Juden in Deutschland fördern.
Drei Probleme standen in Berlin zur Debatte: Wiedergutmachung, Sozialbetreuung und die Stellung der Juden in Deutschland. Doch nur zur offiziellen Eröffnung war Publizität erwünscht.
22 Redner traten nacheinander auf das knarrende Podium. Am Anfang stand die feierliche Ansprache des Berliner Rabbiners M. L. Munk, eines kräftigen Mannes mit schwarzglänzendem Vollbart und scharfen Brillengläsern. "Wir wollen das ewige Licht zum Gedenken der 6 Millionen Märtyrer entzünden!"
Berlins ständiger Festredner, Bürgermeister Dr. Ferdinand Friedensburg, war in gravitätischem Schwarzen Mantel erschienen, um seine Berliner vom Vorwurf des Antisemitismus zu reinigen. Sich selbst hatte er nichts vorzuwerfen. Er betonte das nachdrücklich: "... da bei mir von jeher ein Gefühl echter, tiefer Zusammengehörigkeit mit den jüdischen Mitbürgern bestanden hat!"
Dann kamen schmeichelnde Worte: "Ich, als deutscher Staatsmann, sage Ihnen, wie sehnsüchtig wir Deutschen ausschauen nach Ihrer Hilfe, da wir von der Mitarbeit der jüdischen Freunde viel erwarten" Ungläubiges Staunen überzog die-Gesiebter der ehemals Verfolgten. Friedensburg bat weiter: "Aber seien Sie geduldig und nachsichtig gegenüber der deutschen Bevölkerung " Bei dem weitaus größten Teil der Deutschen sei doch der herzliche Wille zum Wiedergutmachen vorhanden. Die Delegierten dachten an die Grabmalsschändungen auf den verwahrlosten jüdischen Friedhöfen im Norden Berlins, zu denen der Magistrat geschwiegen hatte.
Der 13. Redner wurde besonders bejubelt: ein mittelgroßer Mann im grauen Maßanzug mit randloser Brille im faltigen Gesicht, Clays Berater in Judenfragen, Judge Levinthal: Mit einem verwaisten Lächeln: "Ich sehe sehnsüchtig der Zeit entgegen, wo auf palästinensischem Boden ein Zentrum jüdischen Lebens entstehen möge, daß wir nicht weiterhin wie Diebe in der Nacht dorthin schleichen müssen."
Der Schatten der Exodus-Juden lag über den Delegierten. Der Lübecker Norbert Wollheim nannte das schwere Wort "Exodus" als erster: "Wir konnten wenig tun gegen die grausame Entscheidung der englischen Regierung."
Dann fiel sein Blick auf den leeren Stuhl, auf dem bis vor kurzem Ferdinand Friedensburg ausgeharrt hatte: "Zuviel ist geschehen, auch in dieser Stadt. Wo sind die jüdischen Menschen geblieben?" Das Echo war Trauer und gesenkte Köpfe.
Den Finger ausstreckend auf den leeren Stuhl vor der Bühne, klagte Norbert Wollheim den Opportunismus der bürgerlichen Politiker an. "Deutschland ist das klassische Land der jüdischen Heimatlosigkeit! Auf den Massengräbern läßt sich keine neue jüdische Gemeinde aufbauen. Wir wollen heim nach Palästina."
"Die Juden in Deutschland wollen mehr sein als Päckchenempfängerjuden," hatte Hans Lamm von der American News Conference ironisch gemeinte Am dritten Tag forderte man darum in einer Resolution die Gleichstellung von Mitgliedern jüdischer Gemeinden in Deutschland mit Angehörigen der Vereinten Nationen.
"Die Deutschen sind weiter judenfeindlich", war die Grundstimmung. Das Problem des deutschen Antisemitismus hänge eng mit der Entnazifizierung zusammen. Je milder sie gehandhabt werde, desto fester sei der Judenhaß verwurzelt.
Für gleiches Recht mit Allierten: Levinthal (2. v. l.), Wollheim (r.), Munk (2. v. r.)

DER SPIEGEL 43/1947
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