25.10.1947

Vieh-Verschickung

Hohenstein, eine kleine Bauerngemeinde im Lande Mecklenburg, hat seinen großen Tag. Der Landesvorsitzende der SED, Landtagspräsident Carl Moltmann, war zur Ueberreichung der Einheitspartei-Erntekrone gekommen. Das Dorf war eines der zehn im Lande Mecklenburg die ihr Ablieferungssoll am gründlichsten erfüllt haben.
Carl Moltmann wußte in seiner Ansprache den Grund dafür zu nennen: die Gemeindemitglieder seien fast ausnahmslos in der SED organisiert und könnten "dadurch einen großen Geist des Verantwortungsbewußtseins und der gegenseitigen Hilfe aufbringen." Er übergab den Hohensteinern als Prämie der SED eine Drillmaschine und zwei Pflüge.
Die Einheitssozialisten waren nicht die einzigen, die Prämien ausgesetzt hatten.
CDU, LDP, FDGB, Kulturbund, Industrie - und Handelskammer und der Ministerpräsident hatten ihrerseits Zuchtsauen, Landmaschinen, Schnaps, Kunstdünger und Ledersohlen gestiftet, um der mecklenburgischen Landwirtschaft erhöhte Anreize zu bieten.
Die Schweriner SED-"Landeszeitung" brachte von den Erntedankfeiern in den mit diesen Prämien bedachten Orten farbige Schilderungen: "Statt des gleichförmigen Gesanges der Dreschmaschinen klang uns schon am Eingang des Dorfes ein fröhliches Schrumm - Schrumm -Tralala entgegen. Bauer Klaas nimmt sein Kathrinchen am Arm: 'Wir haben oft bis in die späte Nacht hinein gearbeitet. Nun wollen wir fröhlich sein auch einmal bis in die späte Nacht hinein!' Die Bauerin zupft ihr Kleid zurecht: 'Klaas. Du alter Schwerenöter'. Dann wiegen sie sich im Polkaschritt auf dem Parkett. Wollen heut' fröhlich sein, wir Bauern von Raguth, das tut uns allen gut!" Allerorten feierte Mecklenburgs volksverbundene Prominenz mit dem fröhlichen Landvolk Erntedank. Erst spät in der Nacht fuhr sie nach Hause.
"Unsere Bauern stehen ununterbrochen im Blickfeld des allgemeinen Interesses, seitdem unter den Schlägen der Sensen die ersten Aehren der neuen Ernte fielen", heißt es in einem Leitartikel des SED-Blattes. Demgemäß widmet das Organ seine Spalten vornehmlich landwirtschaftlichen Themen. In Schlagzeilen und längeren Artikeln werden diejenigen Orte gefeiert, die mit der Erfüllung des Ablieferungssolls an der Spitze liegen, während Säumige an den Pranger gestellt werden.
Des Futtermangels wegen haben Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt 30 000 Stuck Rindvieh nach Mecklenburg in Pension gegeben. Solange hier noch genügend Futterreserven vorhanden sind, soll kein Vieh in der Ostzone unnötig abgeschlachtet werden. In den südlichen Ländern der Zone habe die Heuernte der großen Trockenheit wegen nur 30 bis 35 Prozent des normalen Ertrages gebracht, begründete die Zentralverwaltung für Land- und Forstwirtschaft die Viehverschickung. Falls sich bis zum kommenden Jahr die Futterlage im Süden nicht gebessert habe, sollen die Rindviehpensionäre im Norden versteigert werden.
Landwirtschaftsminister Otto Möller schrieb in der "Landeszeitung" des längeren über die mecklenburgische Ernte. Zahlen anzugeben vermied er. Sie habe höher gelegen als im Vorjahr. In erster Linie,sei das auf die erfolgreiche Bodenreform zurückzuführen.
Weiter hinten in der "Landeszeitung" war eine der Notizen zu lesen, die regelmäßig, gedruckt werden: Mehrere Bauern wurden wegen Sabotage mit Gefängnis bestraft, weil sie nicht genügend abgeliefert hatten.

DER SPIEGEL 43/1947
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