25.10.1947

Mit blankem Säbel

Ernst Rowohlt schrieb dem Berliner "Start" einen Brief. Das östlich lizenzierte Blatt der jungen Generation hatte den Hamburger Verleger-Senior auf der ersten Seite angegriffen. Wegen des Buches "Die letzten Tage der Reichskanzlei" von Gerhard Boldt (siehe Auszüge hierneben). Rowohlts Antwort wurde ebenfalls auf der ersten Seite des "Start" veröffentlicht. Sie hatte es in sich.
Worum ging es? Ein früherer Rittmeister und Ritterkreuzträger namens. Gerhard Boldt hatte seine Erlebnisse während des Hitler-Finales zu Papier gebracht, ein Mann namens Ernst A. Hepp hatte sie bearbeitet, und Ernst Rowohlt hatte sie verlegt. Das Heftchen kostet RM 2,80.
Der Verfasser war, nein, ist ein pflichttreuer Offizier, der Deutschlands damaligen Führern nur den einen Vorwurf macht, daß sie den Krieg verloren haben. Er hat "nicht nach dem Warum gefragt, nicht nach der Zukunft", er hat nach seinen eigenen Worten ganz einfach seine Pflicht getan. Da "dröhnt die Stimme der Front", "der deutsche Soldat krallt sich in die heilige Erde der Heimat", "Volkssturmmänner hasten zu den Sammelstellen".
Der Bearbeiter bescheinigt dem Rittmeister in einem Vorwort, daß er mit der Unvoreingenommenheit des Frontoffiziers erzähle, der sich nie um Politik gekümmert habe. Er berichtet, daß Boldt die Eroberung von Toul auf dem Pferderücken mit dem Säbel in der Hand mitgemacht habe, und wo er sich das Ritterkreuz verdiente.
Dieser "Beitrag zu sachlicher Aufklärungsarbeit" wird von vielen Lesern verschlungen, da Boldts Augenzeugenberichte Material enthalten, das vielleicht weniger für die Archive, dafür aber für das breite Publikum neu und interessant ist. Zahlreiche, ausländische Verleger bemühten sich schon um das Uebersetzungsrecht.
In seiner "Start"-Entgegnung gibt Rowohlt zu, daß sich gegen das Buch "etwas einwenden" lasse. Er empfiehlt das zu tun. Aber er wendet sich dagegen, daß er, Rowohlt, "daß die Arena angegriffen wird, in der sich die Reiter tummeln".
Nicht unbedingt ein Gesicht, sondern tausend Augen in die Zeit soll der Rowohlt-Verlag haben. Als Beispiel für die Spannweite seiner Arena nach links und rechts nennt der von den Nazis verbotene Verleger die Namen Kurt Tucholsky und Arnoldt Bronnen.*)
Rowohlt lehnt es ab, die politische Zuverlässigkeit eines Autors einer Sonderprüfung zu unterziehen. Er ist der Meinung, daß die weit verbreitete Neigung, jeder Deutsche müsse noch einmal alle anderen Deutschen ganz persönlich entnazifizieren, schon genug Unfug gestiftet hat. Er will wichtige Bücher drucken, er will Verleger und kein Pädagoge sein.
Die Schluß-Replik des "Start" klingt schwach. Zwischen 1918 und 1933 habe man lange genug die Arena offengehalten und so den Reitern freigegeben, die die Demokratie zertrampelten.
Den angreifbarsten Punkt in der glänzenden Rowohlt-Diktion läßt der "Start" ungeschoren: Rowohlt hatte die erste Voraussetzung seiner Bücher so bezeichnet: Neben einem selbstverständlichen Niveau müßten sie wichtig sein für unsere Zeit. Ueber Wichtigkeit läßt sich streiten, über das Niveau des Boldtschen Buches dagegen nicht.
*) Extrem rechtsgerichteter Schriftsteller der Weimarer Republik. Die bekanntesten Werke "Rheinische Rebellen, "Katalaunische Schlacht".

DER SPIEGEL 43/1947
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