25.10.1947

DIE LETZTEN TAGE ... Von einem ziemlich hohen Stabsoffizier

Montag abend wurde ich ins Stabsquartier befohlen; ich tat zwei Dosen Fleisch im eigenen Saft, einige Büchsen Oelsardinen und drei Flaschen Rotspon in die Kartentasche und begab mich dorthin. Der Frühling lag in der Luft, die Obstbäume wollten blühen. Im Quartier geschäftiges Hin und Her von Adjutanten und Ordonnanzen. Befehle schwirrten. Oberst von Bommerlunder saß über die Generalstabskarten gebeugt, das markante Profil in gedankentiefe Falten gelegt, und steckte immerzu Nadeln zurück. "Sie sind in den Bunker der Reichskanzlei befohlen", sagte er knapp und bot mir ein Glas ausgezeichneten Bordeaux an. "Sie wissen, was das zu bedeuten hat, mein lieber X."
Brüderlich entließ er mich "Wenn es soweit ist" gehen Sie auf den Wilhelmplatz - suchen sie einen anständigen Soldatentod."
Ich grüßte knapp, und Oberst von Bommerlunder dankte ebenso knapp. Draußen wurde ich nur mit Mühe der Tränen Herr. Ich wußte, was ich zu tun hatte; ich verstaute eine Kiste Konserven, drei Kisten Zigarren sowie ein Dutzend Flaschen Rotspon im Wagen und gab dem Fahrer das Zeichen zur Abfahrt. In Berlin würde ich Renate, meiner lieben Frau, und dem kleinen Ingelein näher sein, die auf Sylt um mich bangten.
Vom eisernen Ring, den der Russe um die Reichshauptstadt legte, erscholl das dumpfe Grollen der Artillerieschlacht.
Im Bunker der Reichskanzlei, der unter direktem Beschuß lag, geschäftiges Hin und Her der Adjutanten und Ordonnanzen, Befehle schwirrten. Eine eigene Erregung wollte mich erfassen; in wenigen Minuten sollte ich vor dem Führer stehen. SS mit umgehängter Maschinenpistole geleitete mich zum Führerzimmer. Die Räume, durch welche ich geführt wurde, waren bis zur Decke vollgestopft mit Konserven, Zigarrenkisten und Hunderten von Flaschen Rotspon, was mir ein beruhigendes Gefühl vermittelte.
Der Führer saß über einer frugalen Mahlzeit von Rührei, Spargelspitzen, überbackenem Blumenkohl, Prinzeßbohnen, Gurkensalat und Griesflammerie, wackelte mit dem Kopf und zitterte mit der linken Hand. Kauen konnte er aber noch, wie ich mit Genugtuung feststellte. Als ich ihm Meldung erstattete, dankte er knapp und blickte mich kurz aus erloschenen Augen an. Damit war ich entlassen. Die Begegnung hatte bei mir einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen.
Oberstleutnant von Slibowitz, mein unmittelbarer Vorgesetzter, empfing mich an einem Tisch, der sich unter der Last von Fleischkonserven, Oelsardinen, Zigarren und Rotspon bog.
"Daß die Lage verflucht ernst ist, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, erklärte er, als wir das Mahl beendeten. "Nun, Sie wissen wohl, was Sie im Fall der Fälle zu tun haben."
Ich wußte es. Ich erhob mich, grüßte knapp, trat in den Vorraum und zündete mir eine Importe an.
Wen traf ich im Vorraum? Major von Palinka, meinen alten Regimentskameraden, mit dem ich urfidele Tage in Gomel und Minsk verbracht hatte. Wir begrüßten uns mit lautem Hallo, und dann ging es ans Erzählen. Der gute v. P. hatte eine ähnliche Menge von Fleischkonserven, Oelsardinen und ein paar Flaschen ganz vorzüglichen Bordeaux bei sich, und wir fielen mit einem wahren Wolfhunger darüber her.
(Satire aus dem Berliner "Kurier")

DER SPIEGEL 43/1947
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