25.10.1947

DIE LETZTEN TAGE ... Von Gerhard Boldt

SEITE 54. Um 17 Uhr melde ich mich bei General Detlevsen. Er hat mich zu sich befohlen. Der große, nervöse Mann erhebt sich, als ich in sein Zimmer trete, und gibt mir die Hand. Dann verkündet er in kurzen, knappen Worten mein Todesurteil: "Vor einer halben Stunde rief General Krebs an. Sie sollen sofort in den Bunker der Reichskanzlei kommen, um Freytag zu unterstützen. Ihre Sachen sollen Sie mitbringen. Ich glaube, Sie wissen, was das für Sie bedeutet." Er sieht mich fest an, legt die Hand auf meine Schulter und fügt hinzu: "Wenn es soweit ist, wenn der Russe da ist, und der Augenblick kommt, wo der Gasschlauch in Tätigkeit tritt, dann gehen Sie rechtzeitig aus dem Bunker und sterben einen anständigen Soldatentod auf dem Wilhelmplatz." Das Letzte hatte er langsamer und leiser gesprochen. Dann sagte er noch: "Haben Sie noch irgendeinen Wunsch, den ich Ihnen erfüllen könnte?"
Es ist sehr still im Zimmer geworden. Ich gebe ihm die Anschrift meiner Frau, grüße und gehe.
SEITE 15. Hitler steht allein in der Mitte des großen Raumes, dem Vorzimmer zugewandt. So wie sie ankommen, gehen sie auf ihn zu. Er begrüßt fast jeden einzelnen durch Handschlag, stumm, ohne Worte der Begrüßung. Nur bei diesem oder jenem stellt er eine Frage, die mit "jawohl, mein Führer" oder "nein, mein Führer" beantwortet wird. Ich bleibe in der Nähe der Tür stehen und harre der Dinge, die da kommen sollen. Es ist zweifellos ein außergewöhnlicher Augenblick in meinem Leben. Generaloberst Guderian spricht mit Hitler anscheinend über mich, denn dieser blickt zu mir hin. Guderian gibt mir ein Zeichen, ich gehe auf Hitler zu. Langsam, stark vornübergeneigt, kommt er schlürfenden Schrittes auf mich zu. Er streckt mir die rechte Hand entgegen und sieht mich mit einem seltsam durchdringenden Blick an. Sein Händedruck ist schlaf und weich, ohne jede Kraft. Sein Kopf wackelt leicht. Dies ist mir später noch stärker aufgefallen, als ich mehr Muße hatte, ihn zu beobachten. Sein linker Arm hängt schlaff herunter und die Hand zittert stark. In seinen Augen liegt ein unbeschreiblich flakkernder Glanz, der geradezu erschrekkend und vollkommen unnatürlich wirkt. Sein Gesicht und die Partie um die Augen machen einen verbrauchten, völlig abgespannten Eindruck. Alle seine Bewegungen sind die eines Greises.
Das ist nicht der kraftstrotzende Hitler, wie ihn das deutsche Volk aus früheren Jahren kannte und wie ihn Goebbels in seiner Propaganda auch jetzt immer noch schildert. Langsam schlurfend, von Bormann begleitet, geht er an seinen Schreibtisch.
SEITE 45. Am 16.4. beginnt die Schlacht an der Oder, die letzte große Schlacht in Deutschland. Es war, als ob sich der Vorhang zum letzten Akt des furchtbaren Dramas hebe, als in der Morgendämmerung östlich von Berlin ein Trommelfeuer von unvorstellbarer Gewalt begann. Die russischen Batterien standen auf viele Kilometer Breite und in Tiefe gestaffelt buchstäblich Geschütz neben Geschütz. Zum letztenmal im zweiten Weltkrieg erhob sich der deutsche Frontsoldat nach eineinhalbstündigem Trommelfeuer aus seinen Erdlöchern, um den Sturm der Roten Armee abzuwehren. Das letzte Aufgebot der Volkssturmmänner hastet zu den Sammelstellen.

DER SPIEGEL 43/1947
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