25.10.1947

Mit Ideen versorgt

Als Dr. jur. Hans Kosel im Sommer 1947 aus einer Heil- und Pflegeanstalt Oberbayerns entlassen wurde, wo er sich mehrere Wochen lang einer Morphium - Entziehungskur unterworfen hatte, ging er nach München-Schwabing und machte eine Privatdetektei auf.
Die Geschäfte für den hageren Breslauer Werbefachmann mit den ausdruckslosen Augen und der ewig verrutschten Krawatte gingen schlecht. Als das Mobiliar seines Zimmers bis auf ein Bett veräußert war, entschloß er sich, eine neue Partei zu gründen.
In einem Zwölf-Punkte-Programm, dem "Aktionsprogramm der Tat", verkündete er, daß bereits in allernächster Zeit trotz großzügigster alliierter Hilfe Millionen von Menschen eines jämmerlichen Todes sterben würden, wenn nicht sofort gehandelt werde. Hans Kosel packte seine zwölf Punkte in eine geliehene Aktentasche und lief zum Münchener SPD-Büro. Mit Ideen sei man bereits ausreichend versorgt, sagte man ihm dort.
Sein nächstes Ziel war das Büro Dr. Philipp Auerbachs. Der Staatskommissar für die religiös, rassisch und politisch Verfolgten ließ den Gründer etliche Stunden im Vorzimmer warten. Dann versprach er, dafür zu sorgen, daß Dr. Kosel, der zwei Jahre Festungshaft verbüßt hat, sich in einem Sanatorium für politisch Verfolgte erholen könne.
Die Tennismeisterin und Lizenzträgerin des Presseclubs Continental, Paula Stuck von Reznicek, war die nächste, die ihn empfing. "Ich und Staatskommissar Dr. Auerbach haben eine Partei der Tat gegründet, der bereits alle politischen Persönlichkeiten der Landeshauptstadt angehören", erläuterte er der eleganten Frau den Zweck seines Besuches. Die Partei der Tat wende sich vor allem an die Frauen und die jungen Heimkehrer und sei eine durchaus lebensbejahende Organisation.
Im übrigen sei sie durchaus uneigennützig: wenn die von ihr propagierten Ziele erreicht sein werden, wolle sie sich von selbst wieder auflösen.
"Na ja, wenn die anderen mitmachen, bin ich auch nicht abgeneigt", sagte Paula Stuck von Reznicek.
Dann stob Dr. Kosel zu Dr. Dr. Adolf Uhsler, Ministerialrat im bayrischen Staatssekretariat für das Flüchtlingswesen. Jetzt habe die Stunde der Flüchtlinge geschlagen, die PdT übernehme die Vertretung der Interessen dieser Unglücklichen. "Wir legen nur noch auf Sie Wert, um zur Aktion zu schreiten." Der Doppeldoktor meinte, er werde sich die Sache wohlwollend überlegen.
Dr. Kosel versprach, er werde ihn später zum Minister machen, skeptisch nahm es Adolf Uhsler zur Kenntnis.
Ueberrascht war er, als er dann am nächsten Morgen im "Münchener Mittag" lesen konnte, er habe gemeinsam mit dem Privatdetektiv Hans Kosel und Paula Stuck von Reznicek die achte Partei Bayerns, die "Partei der Tat", gegründet und ihre Lizenzierung bei der Militärregierung beantragt. Einen Tag später wurde diese Botschaft bereits durch die ganze bayrische Presse und den Rundfunk verbreitet.
Bestürzt zitierte Uhsler den Schwabinger Kriminalisten zu sich, aufgeregt erschien Paula Stuck, ungehalten Dr. Auerbach. Kosel erklärte heiter, es komme überhaupt nicht darauf an, ob eine Beitrittserklärung abgegeben worden sei. Die Presse sei eben den Tatsachen vorausgeeilt.
Trotzdem wird es mit einer Lizenz für die PdT vorerst nichts.

DER SPIEGEL 43/1947
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