25.10.1947

In Napoleons Bett

In einem Bescheidenen Fünf-Zimmer-Bauernhaus des Dörfchens Colombey les-Deux-Eglises, 240 km von Paris entfernt, ging ein großer, hagerer Mann ruhelos in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Alle paar Minuten öffnete sich die Tür. Jedesmal trat ein junger Mann ein, und legte mit strahlendem Lächeln einen Stapel Papiere auf den Schreibtisch.
Auch der Hagere lächelte, wenn er die Papiere durchflog: General Charles de Gaulle zog die Siegesbilanz der französischen Gemeindewahlen. Frankreichs Wähler hatten ihm ihr Vertrauen ausgesprochen. In fast allen französischen Stadt- und Gemeinderäten werden die Mitglieder selber vor sechs Monaten gegründeten Sammlungsbewegung RPF (Rassemblement du Peuple Francais), die Majorität haben.
Noch nie haben französische Gemeindewahlen einen so großen außenpolitischen Akzent gehabt. Mit de Gaulle hat auch seine Wahlkampf-Parole "Westorientierung" gesiegt. Für Außenminister Bidault entstand dabei eine groteske Lage. Seine Marshall-Plan-Politik erhielt dadurch eine neue Stütze, daß seine eigene Partei scheinbar aufgerieben wurde. Denn in vielen Gemeinden waren die Kandidaten de Gaulles führende Persönlichkeiten der Republikanischen Volkspartei.
In seiner Heimatgemeinde hatte der General einen besonderen Erfolg. Die biederen Dörfler, in deren Abgeschiedenheit er sich nach seiner Abdankung als Frankreichs provisorischer Präsident am 20. Januar 1946 zurückgezogen hatte, wählten ihn persönlich in ihren Gemeinderat. Obwohl er gar nicht kandidiert hatte. Sie hattet einfach die Namen anderer Kandidaten gestrichen und seinen Namen dafür eingetragen. Die kürzliche Neufassung des Gemeindewahlrechts hat solche Extra-Touren legalisiert.
Viele Franzosen hoffen, de Gaulle werde sich nicht mit dem Posten eines Gemeinderats von Colombey bescheiden. Sie möchten ihn wieder an der Spitze ihres Landes sehen. Nach ihrer Meinung kann nur sein Programm einer starken Regierung "über den Parteien" Frankreich aus seiner jetzigen Misere heraushelfen.
Daß Frankreich jetzt eine starke Regierung nötig hat, meinte auch Ministerpräsident Paul Ramadier. Allerdings hatte er andere Gründe als die Gaullisten, deren Wahlsieg er als Menetekel empfand. Er drehte deshalb sein Kabinett durch die Mühle. Nach achtstündigen Verhandlungen waren von den bisher 20 Ministern noch 13 übrig: 7 Sozialisten, 3 Volksrepublikaner, 2 Radikalsozialisten und 1 Unabhängiger. Die als pro-gaullistisch geltenden Minister waren auf der Strecke geblieben.
"Die jetzt gebildete Regierung ist eigentlich keine neue Regierung", erklärte Ramadier der Presse. "Wir haben erkannt, daß es in dieser Stunde notwendig war, der Regierung die Möglichkeit zu schnell entschlossenem Handeln zu geben und zu diesem Zweck die Gewalt in weniger Händen als bisher zu konzentrieren."
In Pariser politischen Kreisen geht man sogar so weit, die "wohlwollende Neutralität der kommunistischen Partei für das neue Ramadier-Kabinett vorauszusagen, wenn es in der Nationalversammlung zur Vertrauensabstimmung kommt (Ramadier hätte dann die notwendige Majorität). Als Beweis für diese kühne These wird auf die "Humanite verwiesen, die seit de Gaulles Wahlsieg alle Angriffe gegen die Sozialisten eingestellt hat. Sie spricht jetzt wieder von "unsern lieben sozialistischen Genossen". Der große Charles", wie ihn seine Anhänger gern nennen, ist den Kommunisten etwas unheimlich geworden. Sie sehen ihn schon auf dem Präsidentenstuhl des Palais Elysées.
Bisher wollte der General noch nicht viel davon wissen. Von seinem einfachen Landsitz aus hatte er alles abgelehnt: die neue Verfassung, Einladungen der Regierung zu Gedenkfeiern und im Januar dieses Jahres das Amt des Staatspräsidenten. Er wollte nicht "schwacher Präsident eines schwachen Staates" werden.
Charles de Gaulle, der am 2. November seinen 57. Geburtstag feiert, hat ein ungewöhnliches Leben hinter sich. Für seinen Vater, einen Philosophieprofessor in Paris, bedeutete es ein großes Opfer, den Sohn auf die berühmte Militärakademie von St. Cyr zu schicken. Charles studierte mit dem verbissenen Ernst eines Mannes, der sein Ziel unter allen Umständen schaffen will. Er schaffte es.
Als Hauptmann nahm er am vorigen Krieg teil. 1916 geriet er verwundet in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach mehrmaligen erfolglosen Fluchtversuchen aus Ingolstadt wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt und im Armeebefehl erwähnt.
Nach dem Krieg wurde er Lehrer in St. Cyr. Militärische Kommandos in Polen, Syrien, Aegypten, Irak und Persien folgten. Später dozierte er als Professor für Kriegsgeschichte. Er bekannte sich als Verfechter des modernen motorisierten Bewegungskrieges. Die "französische Festungsstrategie" lehnte er ab. Frankreichs Niederlage bestätigte seine Erkenntnisse, die von den konservativen Militärs nicht ernst genommen worden waren.
Charles de Gaulle hat diese Niederlage nie zugegeben. In den schwülen Sommertagen des Jahres 1940 lauschten die Franzosen an ihren Rundfunkgeräten mit vager Hoffnung einer hellen, klaren Stimme: "Frankreich hat eine Schlacht verloren, keinen Krieg." Es war die
Stimme eines unbekannten Generals. Aber es war eine Stimme von magischer Wirkung. Daß sie von London kam (wo de Gaulle gerade dienstlich weilte) verlieh ihr Gewicht und erhöhte Wirksamkeit.
Es war gut, daß die Franzosen zu dieser Zeit den Sprecher nur hören, aber nicht sehen konnten. Frankreich liebt es, wenn seine Generale elegant, geistreich und charmant sind. Charles de Gaulle besitzt keine dieser Eigenschaften. Seine Sprache ist präzise und bilderreich. Aber sie ist nicht geistvoll und witzelnd. Er ist über 1,90 Meter groß. Die Uniform hängt an ihm herunter, als ob sie eine Nummer zu weit sei. Das Gesicht ist fast ausdruckslos.
Ueber London, Brazzaville und Algier führte de Gaulles Weg als unbestrittener Führer des kämpfenden Frankreichs. Am 25. August 1945 kehrte er als Nationalheld in triumphalem Einzug nach Paris zurück. Aber der politische Alltag enttäuschte ihn. In der ersten Parlamentssitzung wurde er wegen seines erstmaligen Auftretens in Zivil stürmisch begrüßt. De Gaulle aber saß teilnahmslos in die Betrachtung seines Tintenfasses versunken. Nach zwei Monaten Ministerpräsidentschaft trat er zurück. Er sah seine Vollmachten durch die verfassunggebende Versammlung allzusehr eingeschränkt.
De Gaulle machte kein Hehl aus seiner Abneigung gegen politische Parteien. "Wenn ich etwas Humorvolles brauche, um diese traurigen Tage aufzuhellen, dann lese ich immer die Programme unserer Parteien". Seiner Ansicht nach, sollte die starke Einzelpersönlichkeit wieder in den Vordergrund des politischen Lebens, gestellt werden. Aber seine Worte erinnerten die parlamentarischen Führer Frankreichs an verdächtige Parallelen mit dem ersten Konsul. De Gaulle hatte 1944 auf Elba eine Nacht in Napoleons Bett verbracht.
"De Gaulle über alles"
Auch "News Chronicle" schrieb Deutsch
Für das öffentliche Wohl
General de Gaulle rief zum Sieg
Für General de Gaulle
Seine Wähler riefen Sieg

DER SPIEGEL 43/1947
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