25.10.1947

Mann im schönen Gefängnis

Harry Truman hatte es satt. Er wollte nicht immer nur Photo-Objekt sein. Als die Horde der Pressephotographen auf ihn zustürmte, drehte er den Spieß um. Er entriß seinen Kontrahenten einen Photoapparat und eine Filmkamera. Mit ihrem eignen Refrain: "Just one more, please" (Noch einmal, bitte) konterfeite er die ganze Korona der Schnappschuß-Jäger.
Das Intermezzo war einer der wenigen freundlichen Augenblicke im arbeitsreichen Tageslauf des US-Präsidenten, der jetzt noch den Kongreß zu einer Sondersitzung einberufen mußte. Er hat nicht oft Gelegenheit, seinen offiziellen Pflichten für einige Augenblicke der Erholung zu entwischen. Mr. Truman spricht deshalb gern vom Weißen Haus als seinem "schönen Gefängnis".
Harry S. Truman, vor 63 Jahren als Sohn eines kleinen Farmers in Kansas City in Missouri geboren, hat Zeit seines Lebens schwer arbeiten müssen. In seiner Jugend war er Laufbursche in einer Drogerie, Zeitungspacker, Buchhalter und mehrere Jahre Farmer. Er behauptet, in der Landwirtschaft die glücklichsten Jahre seines Lebens verbracht zu haben.
1922 stieg er erstmalig in die politische Kampfbahn ein. 1934 wurde er Senator von Missouri. Zehn Jahre später wurde er zusammen mit Roosevelt gewählt. Als Vizepräsident trat er im Schatten des großen Franklin jedoch kaum hervor. Als nach Roosevelts plötzlichem Tod am 12. April 1945 Truman, verfassungsgemäß auf den Präsidentenstuhl rückte, erklärte ein amerikanischer Radiokommentator auf dem europäischen Kriegsschauplatz: "Eine große, eine unheimlich große Zahl von amerikanischen Soldaten hat nie von Harry Truman gehört, der jetzt ihr oberster Befehlshaber ist."
Heute kennt die ganze Welt Trumans Namen. Es war ein dornenreicher Weg zur Berühmtheit. Die ersten hundert Tage, nach Uebernahme des Präsidentenamts, gelten in den USA als politische Flitterwochen. Die Opposition enthält sich jeder Kritik. Aber nach Ablauf dieser Schonzeit wurde Truman von allen Seiten attackiert. Von den Baptisten des Staates Texas, die ihm sein Pokerspiel nicht verzeihen wollten, bis zu den Kommunisten New Yorks, die ihm schrankenlosen Imperialismus nachsagten.
Truman fühlte sich zunächst nicht sonderlich wohl im neuen Amt! Statt der Politiker holte er sich lieber alte Bekannte, Farmer aus Missouri, ins Weiße-Haus mit denen er fröhliche Festgelage veranstaltete. Inzwischen ist seine Unsicherheit gewichen, sein Selbstvertrauen gewachsen. Harry Truman hat die Formel des Erfolgs gelernt: natürlich zu sein. Er liebt seinen "Job". Und er bittet niemand mehr, für ihn zu beten. Er arbeitet hart. Und methodisch.
Um 5.30 Uhr morgens ist er schon aus den Federn. Um 6.15 Uhr ist er rasiert angezogen und mit dem Studium der ersten Morgenblätter fertig. Bei gutem Wetter verzichtet er nie auf einen Morgenbummel in Washingtons Straßen. Er freut sich diebisch über die erstaunten Gesichter anderer Frühaufsteher, die ihm beim Spaziergang begegnen. Um 7 Uhr wird gefrühstückt.
Sein eigentlicher Arbeitstag beginnt um 8.20 Uhr, wenn seine Privatsekretärin Rose Connally das erste Diktat aufnehmen muß. Dann versammelt sich sein persönlicher Mitarbeiterstab um ihn, um das Tagesprogramm festzulegen. Daran schließt sich gewöhnlich eine vertrauliche 20-Minuten-Plauderei mit dem alten, grauhaarigen Stabschef William Leahy an, der noch immer großen Einfluß hat.
Um 10 Uhr starten die offiziellen Besprechungen. Politiker aus den Staaten Nordamerikas und aus den Staaten der Welt geben sich ein Stelldichein.
Gegen 1 Uhr ist der Präsident zum Lunch und zu einem kurzen Mittagsschläfchen bereit. Um drei ist er wieder an seinem Schreibtisch zurück. Bis 5.30 Uhr wird die Reihe der Besprechungen und Konferenzen fortgesetzt.
Für die nächsten anderthalb Stunden hat der Hausarzt des Weißen Hauses, Brigadegeneral Wallace Graham, das Wort. Meist hat er an seinem "Patienten" nichts auszusetzen. Nur sein Gewicht hat sich von 172 auf 168 Pfund verringert. Spötter meinten, das liege wohl an dem fleischlosen Dienstag, den der Präsident selbst so heftig propagiert hat und an dem er nur noch Käseauflauf oder andere leichte Speisen zu sich nimmt.
Truman ist kein großer Sportfreund. Die Pferdebahn des Weißen Hauses ist so vernachlässigt, daß bereits Gras um die Hürden wächst. Auf Befehl des Hausarztes geht der Präsident hin und wieder im Schwimmbad des Weißen Hauses schwimmen. Gelegentlich befestigt er auch gehorsam seine Füße an einem Uebungsbrett. Um die Zehenmuskeln zu trainieren.
Nach einer kalten Dusche folgt um 7 Uhr das gemeinsame Familien-Abendessen. Dann zieht sich Mr. President in seine privaten Räume zurück. Mit einem Armvoll Papieren, Berichten und den letzten Nachrichten. Er stellt das Radio an. Oder spielt manchmal Klavier. Für die Kinovorstellungen im Weißen Haus hat er nichts übrig. Er zieht es statt dessen vor, um 11 Uhr bereits im Bett zu liegen.
Vier Pfund weniger
Truman verlor an Gewicht

DER SPIEGEL 43/1947
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