25.10.1947

Doppelseitige Hebriden

Die Missionare auf den Neuen Hebriden sind trotz der Entlegenheit ihres Wohnsitzes gesellschaftlich durchaus auf der Höhe. Wo sie erscheinen, geben sie feingestochene Visitenkarten ab. Und auf diesen Karten bezeichnen sie sich gleichzeitig als Aerzte der Seele und des Körpers.
Trotzdem haben sie es nicht verstanden, die Tonkinesen, die den Hauptstamm der Arbeiter bilden, im Land zu halten. Die Asiaten wünschen in ihre Heimat zurückzukehren und stellen den weißen Farmern immer höhere Forderungen. Das Beispiel in Indochina und Indonesien hat abgefärbt. Die Verwaltung hat große Sorgen. Ohne asiatische Handarbeiter ist der Wohlstand gefährdet. Aber die Arbeiter verlangen jetzt statt des bisher üblichen Akkordlohns Beteiligung. Sie wollen die Hälfte der Produkte als Entgelt haben.
Die Tonkinesen wandern in großen Gruppen ab. Die Verwaltung der Neuen Hebriden sieht sich vor die Frage gestellt, Arbeiter aus anderen Ländern einzuführen. Man hat auf den Inseln bereits eine Gesellschaft gegründet, um das notwendige Kapital aufzutreiben. Außerdem will man in den USA Maschinen kaufen, um durch Mechanisierung Arbeitskräfte sparen zu können.
Die im Pazifischen Ozean liegenden Inselgruppen werden von Frankreich und England gemeinsam verwaltet. Bis 1906 stritt man sich in London und Paris um dieses Gebiet. Dann einigte man sich. Es hat bisher keine Schwierigkeiten gegeben. Die Inselbewohner feiern sowohl den Geburtstag des englischen Königs als auch den Sturm auf die Bastille. Es gibt zwei Sorten von Briefmarken, englische und französische.
Die Verwaltung ist dreigeteilt. Von den 49 Angestellten sind 12 Engländer, 12 Franzosen und 25 einheimische Verbindungsleute. Außerdem gibt es zwei Gesundheitsdienste. Der eine verwaltet ein Hospital mit Kolonialärzten, der andere ein Laboratorium, das von den Visitenkarten tragenden Missionaren geleitet wird.
Auch die Missionare teilen sich wieder in Engländer und Franzosen. Die englischen Presbyterianer haben ein schönes Haus, schnelle Autos, gute Gehälter (dafür sorgt Australien). Neben ihrem Kampf gegen das Heidentum finden sie noch genügend Zeit zum Handel.
Die Franzosen sind alte Priester, die über keine Hilfsmittel verfügen. Ihre Tätigkeit beschränkt sich auf einige Religionsstunden an Kommunikanten.
Neben den 4000 polynesischen Ureinwohnern gibt es auf den Inseln rund 1000 Franzosen, meist Kaledonier, und 200 Engländer und Australier.
Als Pflanzer haben die Franzosen das Uebergewicht. Kolonisation und Produktion liegen zu 90 Prozent in ihren Händen. Trotzdem ist der britische Einfluß stärker. Auch die französischen Beamten haben sich dem Pfund verschrieben und unterhalten ihre Banknoten in Sydney.

DER SPIEGEL 43/1947
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