25.10.1947

Juwelen am Himalaja

Asiens Landkarten-Barometer steht immer noch auf veränderlich. Jetzt hat sein Zeiger nach dem nordindischen Grenzgebiet ausgeschlagen. Kaschmir ist Republik geworden. Eine mohammedanische Revolution hat den hinduistischen Maharadscha gestürzt.
Mittelalterliche Despotie und orientalische Pracht beherrschten bisher das von malerischer Naturromantik verzauberte Reich Hari Singhs, des Maharadschas von Kaschmir. Für 750 000 Pfund hatten seine Vorfahren vor hundert Jahren das Land den Engländern abgekauft. Es war eine lächerliche Summe für die Fürsten, in deren Palästen märchenhafte Schätze gestapelt waren.
21 Salutschüsse empfingen vor 22 Jahren Hari Singh bei seiner Krönung in Dschammu, der Residenzhauptstadt. "Er hat 21 Schuß" ist das Höchste, was von einem indischen Maharadscha gesagt werden kann. Die Würde eines Hauses wird durch die Anzahl der ihm zustehenden Salutschüsse gekennzeichnet.
Hari Singhs Turban flimmerte von kostbaren Juwelen. Die Sterne auf den Generalsepauletten seiner Khakiuniform waren aus purem Gold. Selbst sein Pferd behängte er mit Diamanten. Bei seiner Krönung trug sein Lieblingspony neben einer reich mit Juwelen bestickten Decke von Goldbrokat auf dem Kopf einen Diamanten im Wert von 1 1/2 Millionen Mark.
1936 wurde dem geläufig Englisch sprechenden einstigen Zögling des Mayo-College der Titel eines Ehrenadjutanten des Königs von England verliehen. Acht Jahre später vertrat er mit andern Fürsten das tropische Kaiserreich im Kriegskabinett.
Nur durch die souveränen Grundrechte Großbritanniens und die Funktion eines Staatsrats, dem bei wichtigen Anlässen die Tür zum britischen Residenten offenstand, war die selbstherrliche Macht des Maharadschas beschränkt. Bis die Teilung Indiens und die neugewonnene Unabhängigkeit ihrer indischen Brüder auch die Inder Kaschmirs rebellisch machte. "Pakistan oder Indische Union" war die Alternative: Der 52jährige Hari Singh, selbst ein Hindu, wollte über die Köpfe seiner vier Millionen mohammedanischen Untertanen hinweg Anschluß an die Union suchen.
Aber Mohammed Anwar, ein führender Moslem in Kaschmir, entfachte die seit langem schwelende Unruhe zur offenen Rebellion. Er errichtete eine provisorische Regierung und proklamierte die Republik Die bisher herrschende Familie habe "alle angemaßten Rechte" verloren, sagte er in seiner ersten Regierungserklärung.
Im benachbarten Pakistan reibt man sich schon erfreut die Hände. Man hofft, daß es nun nicht mehr lange bis zum Anschluß der neuen Republik an Pakistan dauern wird. Das am Fuße der schneebedeckten Himalaja-Gipfel liegende Land hat nicht nur die Juwelen Hari Singhs zu offerieren. Es ist mit seinen unübersehbaren Wäldern und seinen noch ungehobenen Bodenschätzen selbst ein begehrenswertes Juwel.
Aber auch aus dem Norden werden begehrliche Blicke nach Kaschmir geworfen. Indische Truppen haben die Grenze gegen die Sowjetunion absichern müssen, wissen englische Zeitungskorrespondenten zu berichten. Trotzdem wird die Grenze nach ihren Meldungen ständig durch russische Truppen verletzt.

DER SPIEGEL 43/1947
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