25.10.1947

Glückliches UNO-Volk

Trygve Lie soll sparen. Der Haushaltsausschuß der UNO setzt dem Generalsekretär zu. Die Höhe der Gehälter der 3379 Beamten wird beanstandet, ihre Zahl nicht minder. Schon spricht man von einem Abbau. Als erste werden die teuren Stenographen an der Reihe sein. Hinfort sollen die Reden der Delegierten auf Wachsplatten aufgenommen werden. Eine Million Dollar hofft man auf diese Weise einsparen zu können.
Der gewichtige Außenminister der norwegischen Exilregierung während des Krieges, den die Vereinten Nationen am 29. Januar 1946 einstimmig zu ihrem ersten Generalsekretär erwählten, wird ausgesprochen schwerhörig, wenn von Einsparungen die Rede ist. Er liebt es, sein "glückliches Volk", wie einmal ein englischer Reporter die UNO-Gefolgsleute nannte, reichlich zu besolden. Sein eigenes Jahresgehalt beträgt 10 000 Pfund Sterling, 5000 Pfund Grundgehalt und 5000 Pfund Aufwandsentschädigung. Dabei steuerfrei, wie alle UNO-Gehälter. Englands Außenminister Bevin zum Vergleich muß sich mit insgesamt 5000 Pfund begnügen, von denen überdies die Einkommensteuer ihr gutes Teil schluckt.
Acht Unter-Generalsekretäre stehen Trygve Lie zur Seite. Sie verdienen immerhin steuerfreie 3350 Pfund, zuzüglich 2125 Pfund Aufwandsentschädigung. Viel beneidet werden die Dolmetscher der UNO, die bis zu 2425 Pfund einstreichen können. Und selbst der Liftboy in Lake Success macht noch 480 Pfund im Jahr.
Trygve Lie konnte seine Organisation auf großem Fuß beginnen. 1 880 000 Pfund hatte das letzte offizielle Völkerbundsbudget 1938 betragen. Die UNO startete gleich mit 5 Millionen Pfund. 1947 waren es bereits 8 Millionen. Aber selbst damit kommt man in Lake Success nicht aus. Eine Million wurde bereits hinzugepumpt. Für 1948 wollte Lie 10 Millionen haben. Er bekommt sie nicht.
Schon die erste Generalversammlung war sich einig, dem Gastlande der Organisation auch den größten Anteil an den Unkosten zu überlassen. Seitdem bezahlen die Vereinigten Staaten 39,89 Prozent. Im geziemenden Abstand folgen England mit 11,48, Rußland mit 6,34 und Frankreich mit 6 Prozent. Von den kleinsten Mitgliedsstaaten, wie Honduras, Liberia, Costarica, Island, werden sogar nur 0,04 Prozent der Gesamtkosten einkassiert.
Auf der Ausgabenseite stehen die Ausschüsse und Sonderorganisationen mit 2 250 000 Pfund und die Stabsgehälter mit 1 500 000 Pfund an erster Stelle. Die geschätzten Aufwendungen für die Neubauten an der New Yorker East-River-Side erscheinen noch gar nicht in den Hauptbüchern der UNO.
Als die Summe von 21 Millionen Pfund genannt wurde, erschraken alle Beteiligten doch etwas. Trygve Lie griff schleunigst ein und strich 5 von den geplanten 45 Stockwerken des Generalsekretariats -Wolkenkratzers. Womit die Baukosten um 5 Millionen Pfund sinken sollen. Im Vergleich damit machte die Bausumme für den Völkerbundspalast in Genf mit 2 Millionen Pfund nur die Kosten für ein Behelfsheim aus.
Noch liegen die Büros der UNO-Organisation in und um New York verstreut. Auch die Beamten müssen sehen, wie sie unterkommen. Aber Trygve Lie hilft ihnen. Der 51jährige Zimmermannssohn und Gewerkschaftler, der jahrelang seinen norwegischen Arbeiterorganisationen als Rechtsberater diente, hat ein Herz für seine Leute. Wer sich in New York neu einrichten muß, bekommt für die ersten Monate ein erhöhtes Gehalt. Sowohl die Beamten am Hauptsitz wie an den Außenstellen in Genf, London, Paris, Schanghai und Rio de Janeiro können alle zwei Jahre auf Kosten der UNO zu einem längeren Urlaub in die Heimat fahren.
Trygve Lie läßt seinen Leuten auch genügend Freizeit. Nicht umsonst ist er selbst ein begeisterter Sportsmann, ein ausgezeichneter Tennisspieler und ein guter Turner. Wenn nicht gerade Kommissionen und Kongresse tagen, wird in seinen Büros nicht mehr als 40 Stunden in der Woche gearbeitet.
Der Generalsekretär, selbst Vater von drei Töchtern, hat für die Kinder seiner Mitarbeiter besondere Schulen eingerichtet. In den UNO-Kantinen können die Angestellten ein gutes Essen billiger als in jeder New Yorker Gaststätte beziehen. Selbst Zulagekarten für die 44 Angestellten der Außenstelle Paris setzte das Generalsekretariat durch.
Bis jetzt hat der "Welt-Staatsmann"*) allen Ansinnen widerstanden, die Aufwendungen für seine 2815 New Yorker und 564 Beamten in aller Welt zu beschränken. Sie werden sogar, wenn die UNO lange genug besteht, Alterspensionen beziehen.
*) So nannte ihn "New York Times", weil der Generalsekretär der UNO das Recht hat, jeden Gegenstand zur Kenntnis des Weltsicherheitsrates zu bringen, der seiner Meinung nach die Aufrechterhaltung des Internationalen Friedens gefährden könnte.
Genügend Freizeit
Tennisspieler Trygve Lie
Kalorien für die UNO
Ihre Kantinen sind die billigsten Restaurants

DER SPIEGEL 43/1947
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